Heute war ich bei einer Agentur und habe von mir eine Setkarte machen und mich in die Datei aufnehmen lassen. Vielleicht braucht mal jemand eine Frau mit Bart, und ich kann dann mit dem Bart Geld verdienen. Das wäre doch schön. Heute morgen, als ich aus dem Haus ging, weil ich mal wieder zum Arzt ging, fühlte ich mich den Blicken nicht gewachsen und zog mir immer wieder den Schal vor das Gesicht. Es war auch recht kalt.
Was ich dann an mir beobachtete, fand ich interessant: jedesmal wenn ich den Schal vor das Gesicht und den Bart zog, fühlte ich mich schwächer. Ich versuchte den Bart zu verstecken, weil ich mich schwach fühlte – (vermutlich hatte ich kritische Gedanken über mich – oder ich war einfach mal wieder menschenscheu weil zu sensibel).
Indem ich einen Teil von mir verstecke, beraube ich mich meiner Kraft. Mich klein zu machen, mich zu ducken, macht mich unsicher und ich fühle mich schwach – also durch das Verstecken fühle ich mich noch kleiner und unsicherer als ohne das! Denn nun verstecke ich einen Teil von mir, und ich mache mir Gedanken ob vielleicht jemand das entdeckt was ich verstecke, und damit wird die Angst und Unsicherheit noch größer.
Sobald ich den Schal wegnahm, fühlte ich mich stärker, selbstsicherer und bei mir.
Eine Erkenntnis, die ich auch schon zu Beginn des Tagebuchs hatte. Naja manche Dinge müssen sich wohl wiederholen, bis ich sie richtig kapiert habe. Bei dem Thema sich schwach und stark zu fühlen fällt mir der folgende Text von Nelson Mandela ein (es gibt verschiedene Übersetzungen – hier eine davon):
Unsere tiefste Angst
Unsere tiefste Angst ist nicht, daß wir unzulänglich sind.
Unsere tiefste Angst ist, daß wir grenzenlos mächtig sind.
Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit, das uns erschreckt.
Wir fragen uns, wer bin ich denn
um brilliant, wunderschön, talentiert und fantastisch zu sein?
Doch wer bist du denn, um dies nicht zu sein?
Du bist ein Kind GOTTES!
Dich selbst klein zu machen dient der Welt nicht!
Da ist nichts Erleuchtendes dran sich klein zu machen,
nur damit die Anderen sich nicht unsicher fühlen in deiner Gegenwart.
Wir sind geboren um die Herrlichkeit Gottes in uns zu manifestieren.
Sie ist nicht nur in Einigen von uns; sie ist in Jedem.
Dadurch, daß wir unser Licht scheinen lassen,
geben wir anderen Menschen unbewußt die Erlaubnis das Gleiche zu tun.
Dadurch daß wir uns befreien von unser eigenen Angst,
befreit unsere Gegenwart automatisch andere.
Nelson Mandela (1994, Auszug aus seiner Antrittsrede)
Gefällt mir sehr gut, die Übersetzung könnte besser sein. Ich werde nochmal im Netz suchen.
Von Loewin habe ich ein Buch ausgeliehen: Margitta Steib, Die enthaarte Frau.
Das Buch gibt einen guten Überblick über das Thema Haare. Es ist 1991 heraus gekommen. Schon 17 Jahre ist das her! Und damals trug Margitta Steib schon einen Bart und machte ähnliche Beobachtungen und Erfahrungen mit dem Bart, wie ich.
Zu dem eben erwähnten Thema mit dem Schal – hier ein Auszug was Margitta Steib dazu auf Seite 101/102 schreibt:
“Wenn ich heute dazu anrege, Körper- oder Barthaare nicht mehr zu entfernen, dann deshalb, weil es für mich so wichtig war zu erleben, wie sehr sich mein Bewußtsein und mein Selbstbewußtsein verändert hat, seitdem ich meinen Bart einfach stehen lasse. Das ist eine lohnende Erfahrung, die ich gerne weitergeben möchte.
Wer in diesem – ja nur scheinbar äußerlichen – Punkt zu sich selbst stehen lernt, kann genau wie ich erleben, daß sich diese frühere “Schwäche” einer stärkeren Behaarung in Stärke verwandelt. Nicht umsonst symbolisieren Haare Kraft und Stärke. Solange wir einen Teil von uns verstecken und unsichtbar machen, verbrauchen wir unnötig Kraft (und gestehen sie uns auch selbst nicht zu). Wenn wir eine positive Beziehung zu den Haaren aufbauen, stärken wir uns damit selbst.”(Zitat Ende)
In einem anderen Kapitel geht es um bärtige Frauen in der Geschichte. Zitat Seite 33: “Geschichtlich belegbare Wirklichkeit hingegen ist, daß sich im alten Ägypten die Gemahlin des Pharao bei feierlichen Anlässen einen Kinnbart (meist aus Gold) umzuhängen pflegte, denn ein solcher galt als Zeichen der königlichen Macht und Würde. “
Margitta Steib berichtet weiter das es Jahrhunderte gab in denen es auch für Männer tabu war einen Bart zu tragen. Dann wieder gab es Zeiten wie im 16. Jhd. und bis Mitte des 17. Jahrhunderts, wo es einige Hinweise auf Frauen mit Bart gibt. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts soll es sogar modern und normal gewesen sein wenn Frauen ihre Bärte offen trugen!
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