Tagebuch, 26.Tag

Gestern war ich mit einer Freundin unterwegs in der Stadt. Wir fuhren mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Immer wieder gab es entsetzte, überraschte und ungläubige Blicke.

Mal ist es anstrengend und mal amüsieren mich die Reaktionen der Menschen.

Erst schauen die meisten Menschen überrascht und erschüttert, wenn sie mich sehen. Sie starren oder blicken mich immer wieder an, bis sie sich dann, nach wenigen Minuten, wohl satt gesehen haben.

Dann vergeht noch etwas Zeit, mein Aussehen wird uninteressant und ihre Aufmerksamkeit wandert wieder woanders hin.

Ich dachte nochmal über den Kommentar eines Freundes nach, der von meiner „Bartaktion“ entsetzt ist, und stelle mir die Frage: Wie viel Unterschiedlichkeit verkraftet eine Freundschaft? Ich mag ihn, auch wenn er eine andere Meinung hat.

Einerseits denke ich, dass der Bart mich zu den für mich passenden Menschen führen wird.

Andererseits stelle ich mir die Frage, müssen meine Freunde denn alles was ich tue gut heißen und mit mir einer Meinung sein?

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Tagebuch 25. Tag

Ein Freund, dem ich von meinem Bartprojekt schrieb, antwortete mir das er meine „Bartsache“ als grotesk und abstossend empfindet. Er meint, das ich nicht mehr oder weniger ich selbst bin, wenn ich mich gehen lasse.

Erst denke ich: ist mir doch egal was er denkt. Dann bemerke ich wie es mich ärgert, traurig macht und enttäuscht. Doch ich kann nicht verlangen, dass meine Freunde alles was ich gut finde auch gut finden.

Und er versteht es nicht. Er sieht es als ein sich gehen lassen, sich nicht pflegen und verwahrlosen.

Einige Menschen fühlen sich abgestossen. Und ich bin der Meinung, das sie sich unwohl fühlen auf Grund ihrer Konditionierung. Wieso ist ein Mann mit Bart nicht abstoßend?!

Zugegeben ein gepflegter Bart wirkt beruhigender und angenehmer als ein ungepflegter. Meiner ist gerade schon recht wild und ungezähmt. Frauen müssen gepflegt sein. Frauen müssen glatt, sauber und haarlos sein. Wenn man sich pflegt, dann lässt man sich nicht gehen. Und wer sich gehen lässt ist nicht ok und nicht gesellschaftsfähig.

Ich mag es groteske Dinge zu tun. Ich mag es die Sehgewohnheiten und „wie es zu sein hat“ in Frage zu stellen und auf den Kopf zu stellen. So sehe ich das Wachsen meines Bartes auch als Kunstprojekt. Ein Projekt, das zum Nachdenken anregen soll und es tut. Es schockiert, amüsiert, rüttelt auf und vielleicht macht es manchen Frauen Mut ihre Gesichtshaare wachsen zu lassen. Was auch immer.

Und wie ich schon einmal geschrieben habe, so hält der Bart mich auch von den nicht zu mir passenden Menschen, Orten und Dingen fern.

Tagebuch 23. Tag

Eine unruhige Nacht.

Ich wachte mehrmals am Morgen auf, weil das Telefon meiner Freundin immer wieder klingelte und das jeweils in doppelter Ausführung auf zwei Apparaten.

Das Fenster war die ganze Nacht offen und im Morgengrauen begann schon der Großstadtlärm.

Fühle mich erschöpft und gestresst. Die Situation überfordert mich gerade. Habe ein Wirrwarr im Kopf und ein Fragezeichen wohin.

Ich hatte mich auf Erholung und Ruhe und Konzentration eingestellt. Und nun das.

Doch der Tag beginnt gerade erst.

Ich sollte Vertrauen haben, das ich schon etwas Gutes finden werde und den Stress los lassen.

Fühle mich reif für einen Urlaub im Kloster oder auf einer Insel!
Nachts traf ich eine Freundin und diesmal ging ich im Anzug und mit dem Schal. Hatte irgendwie Angst jemand könnte mich angreifen, wenn ich den Bart zeige. Dachte an die Drag Kings, die vor einigen Monaten hier in Berlin zusammen geschlagen wurden. Und da ich bis sehr spät unterwegs war…fand ich die Lösung mit dem Schal gut.

Nun sitze ich in meinem neuen Zimmer aus dem ich am liebsten gleich wieder flüchten würde und bemerke das zu allem übel auch noch Katzenflöhe da sind. Die Mieter vorher hatten Hunde und Vögel und die letzte eine Katze. Mich juckt es und ich habe einige Stiche. Dabei habe ich alles gründlich geputzt. Vielleicht sitzen sie ja unter dem Laminat im Teppich!

Ab morgen werde ich wieder bei einer Freundin schlafen.

Tagebuch 24.Tag

Die Wohnsituation beschäftigt mich sehr.

Heute habe ich Besuch von einer Freundin und es tut gut und baut mich auf mit ihr zu sprechen.

Meine Haare wachsen und die Blicke werden immer mehr. Lustige Momente gab es – ich werde angeschaut. Und nochmals und wieder, da derjenige es kaum glauben kann was er sieht.

Im Supermarkt am Bahnhof Zoo stand vor mir ein Obdachloser, der mich verdutzt ansah. Er entschuldigte sich und sagte das er da nochmal schauen muss. Und wir unterhielten uns. Dann sagte er, das er mich schön findet und meinen Bart mag. Er findet Menschen, die sie selbst sind, schön. Er würde mich am liebsten abknutschen. Nun …äh….aber nein, das würde er doch nicht tun, er hat doch Respekt und Achtung vor einer Frau. Schön das zu hören! Da können sich andere Männer eine Scheibe abschneiden. War jedenfalls nett mit ihm und schön seine und meine Offenheit über den Bart.

Da schaue ich etwas seltsam. Ich fotografierte mich selbst, als ich etwas gestresst von der neuen Wohnung zur Wohnung meiner Freundin fuhr. Der Bart wird dunkler und dichter. Und so mit den Haaren zurück und der Jacke sieht es schon ziemlich männlich aus.

Tagebuch 22.Tag

Heute habe ich das Zimmer in der neuen Wohnung, die ich mit einer Philosophiestudentin teile, gestrichen. Gegen Abend zog von draußen Zigarettenrauch ins Zimmer. Auch in die Küche und ins Bad, die beide auf der gegenüberliegenden Seite meines Zimmers liegen, kam durch die offenen Fenster Zigarettenqualm hinein.

Ich mag absolut keinen Zigarettenrauch, vertrage ihn auch nicht und seit Neustem habe ich auch noch Asthma. Also achtete ich bei meiner Wohnungssuche darauf ein Zimmer mit weitem Blick, im Grünen, am Wasser und ohne Qualm zu finden.

Als ich die WG besichtigte sagte mir die Bewohnerin, daß die Nachbarn unter mir nicht rauchen und es keinen Rauch gäbe, sie würde das sonst merken, denn sie sei auch empfindlich. Tagsüber riecht man auch keinen oder selten Rauch. Ich nehme an die meisten Bewohner des Neubaus sind berufstätig und abends, wenn sie nach Hause kommen wird geraucht und gelüftet.

Ich bekam die Krise. Hatte ich doch den halben Tag in der Wohnung geputzt, den Balkon sauber gemacht, das Zimmer neu gestrichen und dann gegen Abend dieser Schock! Mehrere Stunden lang hing nun schon der Geruch in der Luft und ich konnte nicht lüften. Als ich dann gegen 22 Uhr das Haus verlies, um bei einer Freundin zu übernachten, bemerkte ich, das der Zigarettenrauch im großen Innenhof, auf der Straße und um das Haus herum festzuhängen schien, obwohl das Ufer keine 100 Meter entfernt ist. Doch die Häuser stehen zu eng in der Straße. Die Wohnung ist unter dem Dach im vierten Stock und die rauchige Luft zieht nach oben.

Als ich in der Straßenbahn saß und nachdachte, erinnerte ich mich an meine Angst von gestern. Nun weiß ich dass sie mich warnen wollte.

Manche Dinge spüre ich intuitiv und kann sie leider nicht immer rational verstehen. Jetzt ist es mir klar.

Und nun? Ich bin etwas ratlos. Jetzt habe ich es geschafft mich umzumelden und das ok vom Arbeitsamt und nun geht die Suche schon wieder von vorne los…..stöhn. Die Frage ist auch, wie schnell finde ich, oder die Hauptmieterin eine andere Person für das Zimmer. Interessant ist, das die jetztige Bewohnerin gerade eine unangenehme Geschichte hinter mit der letzten Mitbewohnerin hinter sich hat. Diese letzte Mitbewohnerin, hielt es nur 14 Tage aus, dann gab es wohl Differenzen zwischen den beiden und von einem Tag auf den Anderen ging sie, behielt den Schlüssel der Wohnung bis zum heutigen Tag, so daß wir uns gerade einen Schlüssel teilen müssen, da es ein Spezialschlüssel ist den man nicht so einfach nachmachen kann (ist das nicht auch ein Hinweis….dass ich da nicht einziehen sollte) und für den Rest des Monats zahlte diese Frau auch keine Miete mehr, obwohl sie den Vertrag unterschrieben hatte…..Ich will nicht fies sein…aber es ist auch fies zu sagen es gäbe da keinen Zigarettenqualm…….Ich werde morgen mit meiner Mitbewohnerin reden müssen. Und wohin gehe ich, falls sie jemanden findet?

Vielleicht ist es an der Zeit Berlin zu verlassen und ans Meer zu ziehen….ich weiß es nicht. In solchen Momenten wünschte ich mir jemanden, der die Verantwortung übernimmt und für mich entscheidet. Oder noch besser eine Fee, die mir die Traumidylle schafft….

Wieso verfolgt mich dieses Thema mit der „unsauberen“ Luft?

Wo finde ich endlich mal eine Wohnung, die gute Luft hat, wo niemand raucht und wo ich mich wohl fühle? Das muss es doch geben! Ohne das ich dafür alleine auf einem Berg wohnen muss!

In der Wohnung meiner Freundin am Ostkreuz, in der ich gerade sitze, ist vor meinem Fenster ein Balkon mit weitem Blick und Wind. Hier rauchen die Nachbarn nicht. Und wenn so wäre der Rauch schnell verflogen.

Wenn ich könnte, würde ich Zigaretten verbieten. Absolut. Selbst die Herstellung. Ich finde es eine extreme Belästigung. Ja, hier liegt meine Intoleranz. Das gebe ich gerne zu. Andere regen sich über meinen Bart auf und ich rege mich über den Zigarettenqualm auf. Meine Nase ist schon sehr empfindlich. Weil ich so sehr gegen die Zigaretten bin habe ich ein Puppentheater für Kinder geschrieben. Ein Theaterstück gegen das Rauchen. Darin wird der König zum Rauchen verführt. Als dann sein ganzes Reich verqualmt ist, rebellieren die Mäuse und schaffen es, dass der König die Zigaretten in seinem Königreich verbietet und selbst aufhört zu rauchen. Nachdem ich das Stück geschrieben hatte und die Puppen gebaut….hatte ich keine Lust mehr es aufzuführen. Es war mir zu moralisch und zu „normal“. Ich müsste mich nochmal gezielt dransetzen, um es umzuschreiben, damit es mir auch Spaß macht es zu spielen.

Mit meinem Bart…..bekommt das Puppenspielen nun einen neuen Aspekt….

Apropos Bart. Als ich heute nach 22 Uhr mit der Bahn fuhr, da waren mir die anderen Leute und ihre Blicke sowas von egal. Als ich die Treppenstufen am S Bahnhof in Köpenick hoch ging, da hörte ich von den mir entgegenkommenden Personen einige Kommentare und kümmerte mich nicht darum. Ich ging weiter und war mit einem anderen Problem beschäftigt. Nach 3 Wochen Barthaaren im Gesicht fühlte ich mich auf einmal wie zu der Zeit, als ich noch keinen Bart hatte. Bei mir. Und frei. Der Bart ist ein Stück Normalität für mich. Ich gebe zu, das ich mich, falls genügend Plätze frei sind, nicht unbedingt direkt gegenüber von anderen Fahrgästen setze. Das machte ich auch ohne Bart nicht gerne. Manchmal stehe ich und drehe mein Gesicht weg und schaue aus dem Fenster. Auch das würde ich mit oder ohne Bart tun.

Ich schrieb eben noch eine mail an meine Mitbewohnerin und hoffe auf eine wirklich baldige geniale Lösung meines Wohnungsproblems.

Dann kam einige Zeit später nachts eine SMS von meiner Mitbewohnerin. Ich dachte sie würde schlafen. Doch sie hatte gerade die mail gelesen und war geschockt und findet es schade, daß ich schon wieder gehen will. Daraufhin rief ich sie an und wir sprachen noch einige Zeit über die Situation. Mit dem Ergebnis, das sie möchte, daß ich mindestens die Miete für einen Monat trage, damit sie sich um ihr Studium kümmern kann und ihre Referate machen kann wie geplant. Ihrer Meinung nach war das heute eine Ausnahme mit dem Rauch. Sie versteht nicht so recht wieso ich so plötzlich wieder weg will. Ich werde die nächsten Tage eh dort schlafen, denn ich kann nicht immer zu meiner Freundin zum übernachten. Dann wird es sich zeigen, wie es sich mit dem Zigarettenrauch verhält und wie ich mich fühle und ob sich die Situation noch verändert.

Tagebuch 21.Tag

Zum ersten Mal in diesen Tagen begegnete ich heute einer Gruppe von Kindern, die so etwa 6 Jahre alt waren und wie ich auf dem Bahnsteig auf die S Bahn warteten. Einer der Jungs blickte mich immer wieder erstaunt an. Er sagte nichts.

Ein Mädchen schaute mich länger an und fragte mich dann: Wieso wächst dir denn ein Bart? Und wieso machst du den nicht weg? Ich antworte weil er mir wächst und ich will sehen, wie ich mit Bart aussehe. Dann sagt das Mädchen: damit siehst du aus wie ein Mann. Schneidest du ihn nie ab? – Vielleicht, wenn er soooo lang ist, antworte ich und zeige auf Hüfthöhe und grinse.

Mag sein, daß ich mit den Haaren im Gesicht aussehe wie ein Mann. Ich selbst mag die Mischung zwischen Mann und Frau an mir und finde sie schön.

Die S Bahn kam und die Kindergruppe und ich stiegen in den selben Wagen. Eines der Mädchen saß etwas entfernt schräg gegenüber von mir und starrte mich mit offenem Mund an. Nach einigen Minuten kam die Erzieherin und gab dem Mädchen mit der Hand einen Schubser aufs Kinn, so dass sich ihr Mund schloss.

Einige Leute waren heute am Tuscheln und Lachen, wenn sie mich sahen. Ich jedoch vergaß immer wieder die Haare in meinem Gesicht. Es wird tatsächlich von Tag zu Tag normaler für mich.

In manchen Momenten vergesse ich, daß es für die, die mich treffen womöglich das erste Mal ist, daß sie eine Frau mit Bart sehen.

Am neuen Wohnort meldete ich mich im Bürgeramt an. Ich wurde freundlich bedient. Das fällt mir in den Tagen immer wieder auf, daß die Menschen, die an der Kasse sitzen, die Bedienung im Cafe oder im Geschäft, oder die Frauen im Amt mich freundlich und zuvorkommend bedienen, fast noch freundlicher als ohne Bart. Schön ist das und ich genieße es.

Es kann sein, daß sie freundlicher sind, weil ich anders bin mit mir. Seitdem ich meinen Bart wachsen lasse fühle ich mich stärker und selbstbewußter, ich stehe mehr zu mir und liebe mich selbst mehr.

Eine Freundin half mir meine Sachen in die neue Wohnung zu bringen. Noch ist die neue Umgebung ungewohnt und ich muss mich erst mal einleben.

fotos-vom-handy4122008-0471Ich verspüre Angst. Habe ich mir die richtige Umgebung und Wohnung ausgesucht? Angst es könnte mir dort nicht gefallen. Und ich erinnere mich, daß ich diese Angst schon öfters hatte, wenn ich mich auf neue Orte, Wohnungen, oder Menschen eingelassen habe. Was ist richtig? Durch die Angst gehen und an der neuen Situation zu wachsen? Oder ist die Angst als Warnung zu verstehen und sollte ich die fremde Situation meiden? Ich habe keine Antwort darauf. Es ist jetzt eh entschieden. Ich habe den Vertrag unterzeichnet und mich angemeldet. Es ist nicht meine Traumwohnung. Es ist kein Altbau mit Dielen. Es ist eine schöne saubere Wohnung im Neubau mit wunderbarer Umgebung. Die nächsten Tage werde ich diese Umgebung erkunden und vielleicht beruhige ich mich dann wieder und die Angst weicht der Abenteuerlust.

Tagebuch 20.Tag

fotos-vom-handy4122008-080Heute war ich auf dem Amt. Dieses Mal hatte ich eine angenehme Sachbearbeiterin, die mir keine Probleme machte und die Anmietung des Zimmers genehmigte. Beschwingt ging ich aus dem Jobcenter heraus.

Als ich anfangs in der Schlange beim Jobcenter stand, starrte mich ein Mann mit Vollbart immer wieder an und strich sich mit der Hand über seinen Bart. Was er wohl dachte? Ob es ihm Angst machte, dass da eine Frau war die einen Bart hatte? Eine Iranerin mit Kopftuch warf mir Blicke zu. Immer wieder wirken die Menschen bei meinem Anblick verwirrt. Manche belustigt es auch. Ich merke, wie ich immer weniger darauf achte, wie die Anderen reagieren. Immer seltener habe ich Angst vor den Reaktionen der Menschen. Ich gewöhne mich an meinen Anblick mit Bart und finde es von Tag zu Tag normaler.

fotos-vom-handy4122008-0331Draußen vor dem Jobcenter gab es eine interessante und erfreuliche Aktion der heiligen Kirche der letzten Arbeitstage. Eine Frau spielte vor dem Eingang des Jobcentes Akkordeon, während eine andere Frau Lose und Einladungen zum Gottesdienst verteilte. Auf der Wiese neben dem Arbeitsamt hatte die Kirchengemeinde der heiligen Kirche der letzten Arbeitstage ein Zelt aufgebaut und einen Wohnwagen mit Tischen und Bänken aufgestellt.

fotos-vom-handy4122008-034Nachdem mein Antrag auf Kostenübernahme der Wohnung genehmigt worden war, ging ich hinaus zum Gottesdienst.

Wir sangen Gospels: „Arbeit ist gut sie kommt aus unserem Blut…“. Mehrere Rednerinnen hielten die Predigt. Ungefähr zwanzig Personen nahmen am Gottesdienst teil…mehr hatten den Weg vom Amt dorthin nicht gefunden. Weitere Personen saßen auf den Bänken vor dem Wohnwagen und waren dabei ein Formular auszufüllen.

fotos-vom-handy4122008-041Dieses Formular war ein Ausgliederungsantrag. Ein Gegenstück zu der Eingliederungsvereinbarung, die man gezwungenermaßen als Arbeitsloser beim Arbeitsamt unterschreiben muss.

Der Ausgliederungsantrag verpflichtet den Ausfüllenden zu nichts. Und die Kirchengemeinde spendierte dazu Kaffee und Kuchen in gemütlicher Atmosphäre.

Das bietet das Arbeitsamt nicht!

Die Aktion, und die Männer und Frauen, die diese organisierten bauten mich auf und gaben mir Kraft. Zum nächsten Gottesdienst im September auf dem Alexanderplazt werde ich wieder hin gehen!

Es gibt einige Webseiten, die mit dieser Aktion in Verbindung stehen: www.die-heilige-Kirche-der-letzten-Arbeitstage.de undhttp://www.workstation-berlin.org/

Tagebuch 19.Tag

Es ist ruhiger geworden in mir.

Es ist nicht mehr so aufregend mich, mit einem beginnenden Bart im Gesicht, zu „zeigen“. Ich habe mich an den Anblick meines Spiegelbilds gewöhnt. Und es gefällt mir!

Ich könnte das Ganze nun hier abbrechen, um mich wieder unauffällig und uneingeschränkt unter den Menschen zu bewegen.

Wie ich mit Haaren im Gesicht aussehe habe ich nun gesehen und damit meine Neugier befriedigt. Ich habe auch erfahren was es bedeutet mich als Frau mit Haaren im Gesicht in der Öffentlichkeit zu bewegen. All die Frauen, die sich täglich die Haare im Gesicht entfernen kann ich mehr denn je verstehen.

Es ist ein Luxus, was ich hier gerade mache.

Hätte ich einen Job als Verkäuferin hätte man mich schon gefeuert. In welcher „normalen“ Anstellung würde dies toleriert werden?! Wenn ich mir vorstelle ich wäre als Lehrerin im Schuldienst tätig – was wäre da los! Gerade die Jugendlichen sind erbarmungslos mit ihren Kommentaren und Urteilen.

Gestern musste ich etwas in einer Apotheke kaufen. Im Gesicht der Apothekerin meinte ich eine Regung zu bemerken, als sie mich anschaute. Ich sage ihr was ich möchte und während sie das Gewünschte im Computer sucht fällt mein Blick auf den Tresen. Eines der beiden Prospekt zeigt das Gesicht einer Frau mit Stoppelbart. Darüber die Aufschrift: „Gefälschte Medikamente – echt Nebenwirkungen. So können Sie sich schützen.“

Herausgegeben von der ABDA der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände in Berlin.

Ich musste grinsen, denn ich stellte mir vor wie die Apothekerin Tag für Tag auf dieses Bild der stoppelbärtigen Frau schauen musste, und nun stand ich vor ihr mit meinem Bart.

Dachte an das Gesetz, das man das worauf man sich konzentriert anzieht. Oder wie meine Mitbewohnerin meinte das Prospekt und ich haben sich gegenseitig angezogen. Wie auch immer.

In dem Prospekt geht es darum, daß Die ABDA natürlich will, dass die Bevölkerung Medikamente in den Apotheken kauft, damit die Apotheker genug verdienen. Also wird vor dem Kauf von Medikamenten im Internet und außerhalb von Apotheken gewarnt. Und das tut man, indem man dem Leser Angst macht.

Wieso aber musste man ausgerechnet eine bärtige Frau nehmen, um den Menschen Angst zu machen!?

Um ein Prospekt herzustellen wird recherchiert und nachgedacht, wie man seine Botschaft am wirkungsvollsten umsetzen kann. Um Angst zu machen hätte man auch ein Monster oder eine Mischung zwischen Tier und Mensch oder jemanden mit vielen Beulen oder Auswüchsen nehmen können. Wieso eine Frau mit Bart?!

Wenn man den Kunden mit dem Bild einer bärtigen Frau Angst machen kann, dann zeigt das ja auch wie tief dieses Bild in der Gesellschaft verwurzelt ist als Negativbild. Wenn die Aussage, die ich hörte stimmt, dann sind über 40 % aller Frauen im Gesicht behaart und haben diesen Haaren den Kampf angesagt. Sie alle und ihre Partner haben demnach Angst vor einer Frau mit Bart.

Machen die Apotheken mehr Umsatz mit Frauen als mit Männern? Daher fiel die Wahl auf die Frau mit Bart?

Ein Bart im Gesicht einer Frau ist etwas das gesellschaftlich einfach nicht ok ist. Eine Frau mit Bart ist wie ein Monster, wie ein Freak.

Ich habe keine Angst davor ein Freak zu sein. Mein Bart darf sein. Heute zumindest.

Apropos Freaks.

Es gibt einen sehr schönen Fotoband von Annie Leibovitz mit dem Titel: „Women“. Darin ist auch ein Foto von Jennifer Miller mit Bart. Ich finde den Fotoband sehr ansprechend, denn er zeigt wie unterschiedlich Frauen aussehen können. In einem Kundenkommentar bei Amazon bezeichnet die Kundin den Fotoband als „Freakshow“. Ansichtssache. Hier der link zu dem Kommentar und weiteren Kommentaren, die auf Englisch sind.

Tagebuch 18. Tag

Gestern Abend, während ich mit einer Freundin essen war, bekam ich ein ok für die Wohnung im Grünen. Das freute mich sehr. Während des Essens hatte ich von meiner Wohnungssuche berichtet und diese Wohnung erwähnte ich als meinen Favoriten. Es ist dort landschaftlich sehr schön. Gute Luft und in der Nähe das Naturschutzgebiet.

Die Natur vermisse ich in der Stadt. Ich schätze die Vielfalt und Buntheit der Stadt ebenso wie die Natur.

Ich hatte mich zu Anfang des Experiments gefragt, ob mich irgendjemand mit Bart als Mitbewohnerin oder Hauptmieterin akzeptieren würde.

Gestern besuchte ich den Spinnboden, eine Frauenbibliothek in Berlin mit viel Literatur zu Frauenthemen wie auch zu Frauen mit Bärten und Transgender. Die Bibliothekarin war sehr freundlich und wir unterhielten uns eine Weile. Sie schlug mir vor den Bart für die Dauer meiner Wohnungssuche zu rasieren. Selbstfindung hin oder her. Ich könne ja später damit weiter machen. In mir schrie es laut NEIN. Genau das wollte ich nicht. Das würde wieder ein klein beigeben bedeuten. Ein mich anpassen an die Werte und Normen, die vorgegeben waren. NEIN! Ich will meinen Weg mit dem Bart gehen. Gemeinsam. Der Bart ist mein Freund und Lehrer.

Tagebuch 17.Tag

Als ich heute die erste Wohnung besichtigte, wurde ich für einen Drag King gehalten, da ich mit Bart und einem Anzug auftrat. Ich antwortete: „Nein. Noch nicht, aber das kann noch werden.“

Ob der Bart echt sei, oder angeklebt, werde ich gefragt.

Die Frau ist sympatisch und die Wohnung gefällt mir, doch die Miete ist zu hoch. Ich gehe weiter zur nächsten Wohnung.

Als ich anschließend über die Warschauer Brücke gehe, um von der Tram in die S Bahn umzusteigen, gehen viele Menschen an mir vorbei, darunter zwei Männer, die eine große Holzplatte tragen. Der Eine starrt mich an. Als sie an mir vorbei sind höre ich: Wäh!!

Ist ihm mein Anblick unangenehm? Oder machte er solch einen Laut, weil ihm die Holzplatte zu schwer ist?

Wie würde eine Welt aussehen in der sich alle Wesen frei bewegen, ohne mißachtet und bewertet zu werden?

Was wäre wenn Behinderte, „Mißgebildete“, Hell- und Dunkelhäutige, bärtige und behaarte Frauen, Männer mit Röcken und/oder langen Haaren und jeglicher Ausdruck sein dürfte? Wenn die Menschen dies als Bereicherung und als interessant ansehen würden? Eine Welt, in der die Menschen sich wahrhaftig zeigen und ausdrücken. In der sie nicht eine Rolle erfüllen, die von ihnen erwartet wird, sondern sich davon befreit haben und über ihre eigenen Grenzen gehen, sich selbst neu erfinden und kreieren. Eine Welt in der es dieses Denken in Rollen und Normen nicht gibt! Wäre es entspannter? Würde es stressen? Ich denke an Szenarien der Science Fiction Filme. Ich habe so eine Vision von einem toleranten und freien Leben und bin doch mit vielen der Werte und Normen verstrickt. Es fällt mir nicht leicht über diese Begrenzungen in meinen Gedanken hinauszugehen. Einige Werte und Normen machen für mich Sinn. Es ist schön ein lockereres und freieres Verhältnis zu ihnen zu haben und sein Leben nicht deshalb einzuschränken.

Ich dachte heute darüber nach, ob ich mir lieber auf dem Land eine Wohnung suchen sollte. Dort würden die Menschen vermutlich Anfangs Schwierigkeiten mit dem Bart haben, doch es wäre eine überschaubare Anzahl von Menschen, die sich dann irgendwann an meinen Anblick gewöhnt hätten und es akzeptieren würden (oder auch nicht…..).

In einer Großstadt, wie Berlin begegne ich sehr vielen unbekannten Menschen. Dadurch ist der Stress größer denke ich, wenn ich nicht angepasst aussehe. In einem Dorf kann es anstrengend werden, wenn die Akzeptanz für die Andersartigkeit nicht da ist und man unter der Art und Weise, wie die Menschen einen behandeln, leidet. Gedankenspielerei.

Nachdem ich heute mehrere Wohnungen angeschaut hatte, ging ich abends mit einer Freundin essen. Wir hatten ein schöne Zeit miteinander. Am Schluss meinte sie zu mir, dass das mit dem Bart doch schon gewöhnungsbedürftig sei.

Die Wohnungssuche gestaltet sich dieses Mal recht abenteuerlich.

Ein Mann benutzte die Besichtigung seiner Wohnung, in der Zimmer frei waren, dazu mich anzubaggern. Und das trotz Bart.

Von einem anderen Mann bekam ich auf meine Anzeige zur Wohnungssuche folgende email, deren Wortlaut ich auch schon bei den Wohnungsangeboten im Internet gelesen hatte.

Hallo,

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Ich hoffe bis bald.
Angelo

Da merke ich meine Grenzen. Doch wer weiß, vielleicht findet er so seine Traumpartnerin….

Tagebuch 16.Tag

Beim Blick in den Spiegel denke ich heute: Ich stehe zwischen Mann und Frau. Ich stehe dazwischen. Ich suche meinen Platz. In vieler Hinsicht suche ich meinen Platz. Wo ist der Platz für eine Frau mit Bart? Auf einem Mittelaltermarkt oder dem Jahrmarkt als Attraktion, als bärtige Frau? Eine gute Idee finde ich – für mich vielleicht ….doch nicht jede Frau will sich auf dem Jahrmarkt ausstellen. Es geht doch darum einfach so sein zu dürfen, in dieser Welt, mit oder ohne Bart angenommen und akzeptiert zu werden wie man/frau ist.

Wo ist der Platz für Frauen mit Bart, mit vielen Haaren am ganzen Körper?

Wo ist der Platz für all die Menschen, die nicht der Norm entsprechen und die in keine Schublade passen?

Vielleicht bezeichnet man sie als Freaks, als Behinderte, als Kranke und als die Ausgeschlossenen die am Rande der Gesellschaft stehenden. Und das nur weil sie anders sind und anders aussehen?

Es geht darum, daß es die Sehgewohnheiten, die Werte und die Moral der Menschen stört und ihr Gefühl von Sicherheit, das ihnen eine „scheinbar“ heile und geordnete Welt gibt. Der Kommentar von Phoenixe am 15. Tag des Tagebuchs ist dazu sehr lesenswert!

Ich denke an Filme wie: „Pleasantville“ oder auch die „Trumanshow“ in denen sehr schön und auf lustige Weise dargestellt wird, wie Menschen verunsichert werden und Angst bekommen, wenn ihre „heile“ Welt in Frage gestellt wird oder zusammenbricht.

Gleich werde ich rausgehen. Diesmal werde ich mich anders anziehen. Mit Jacket und schicker Hose in schwarz. Dann sieht der Bart gewollt aus, meinte meine Mitbewohnerin. Mal sehen wie nun die Reaktionen sind und ob ich mich wohler und sicherer fühle durch diese Kleidung.

Diesen Film entdeckte ich auf Loewins Seite und habe so lachen müssen, dass ich ihn hierher verlinkt habe. Vielen Dank an Schwarzseher der ein super Filmemacher ist und an Loewin.

http://de.youtube.com/watch?v=n2cTHfwQKZs&feature=related

Tagebuch 15.Tag

Heute war wieder ein Tag der Wohnungsbesichtigungen. Ein Tag an dem ich viel Zeit in den öffentlichen Verkehrsmitteln von Berlin verbrachte. Am Abend als ich nach Hause komme bin ich sowas von ko!

Es ist anstrengend so vielen Menschen zu begegnen.

Wäre schön wenn es nicht so wäre. Und mit Haaren im Gesicht als Frau – mit Brüsten die nunmal nicht zu übersehen sind…nun ja da ist es noch etwas anstrengender.

Die Reaktionen nehmen mit der Länge des Bartes scheinbar zu.

Jetzt sehe ich immer mal wie sich jemand an das Kinn greift und zu dem neben sich was sagt.

Manche starren mich an und können es wohl nicht glauben was sie sehen.

Ich denke darüber nach mich als Mann zu verkleiden. Mal sehen, ob ich mich dann mehr entspannen kann wenn ich in der U Bahn sitze.

Bei dem was ich erlebe frage ich mich: wie geht es all den Menschen, die sehr ungewöhnlich aussehen. Brandopfer mit verbrannter Haut und entstelltem Gesicht zum Beispiel. Ich erinnere mich an meine Studienzeit, als ich im Bus öfters einen Mann sah, dessen Gesicht kaum noch als Gesicht erkennbar war und dennoch hatte er den Mut sich den Blicken der Menschen zu stellen und benutzte den Bus. Vielleicht hatte er auch keine andere Wahl. Dennoch bewundernswert.

Wieso aber ist das so anstrengend angeschaut zu werden?

Sind es meine eigenen Ängste und Befürchtungen, die das Ganze so anstrengend machen!?

Habe ich Angst, das der, der mich anschaut etwas gegen mein Aussehen hat und mich gleich angreifen wird?!

Es ist meine Angst vor Angriffen, die mir die Energie raubt, wenn ich all den Menschen begegene!!

Menschen schauen. Menschen starren. Es ist ungewohnt. Vielleicht sind sie neugierig. Aber wer von all den Menschen will mir was Böses?

Da ist meine Angst. Der Mensch an sich ist ein ängstliches Wesen. Angst um das eigene Leben. Selbstschutz. Es geht immer darum das eigene Leben zu schützen und zu erhalten.Tiere greifen einander an. Menschen greifen einander an. Aus Angst. Um ihr Revier oder ihre Überzeugungen zu verteidigen.

Die vielen Menschen und meine eigene innere Anspannung heute haben mich schon ziemlich gestresst.

Es ist eine gute Übung für Präsenz finde ich.

Heute schaute ich drei Wohnungen an was sich bis nachts hinzog! Die erste Station war eine Wohnung in Köpenick am Wasser. Leider war auf der Strecke mit der Tram Ersatzverkehr. Die Busfahrer kannten sich nicht aus, da sie immer wieder woanders eingesetzt werden und die Strecke nicht wirklich kennen. An der Haltestelle, an der ich aussteigen sollte hielt der Bus nicht und ich hab mich völlig verfahren. So dauerte die Fahrt die eigentlich eine Stunde hätte dauern sollen, mehr als zwei Stunden.

Die Wohnung hatte einen Blick auf das Wasser mit schöne hohen Bäumen davor und mit Balkon. Das tat gut frische Luft und Wasser! Hab mich zum erstenmal auf meiner Wohnungssuche gut unterhalten mit der Frau die eine Mitbewohnerin sucht. Ich erzählte ihr, dass ich mich nun entschieden hätte den Bart wachsen zu lassen. Darauf fragte sie: Wie geht denn das?

Ich fragte mich ob sie denkt, dass ich ihn angeklebt habe oder Hormone schlucke. Nicht alle Menschen wissen das Frauen auch Bärte haben!

Dann gings weiter zur nächsten Wohnung in Tiergarten. Dort suchte eine Frau Nachmieter. Ich sprach nicht über den Bart und sie auch nicht. Und es wirkte, als habe sie kein Problem damit. Vielleicht sprachen wir am Schluss darüber, ich erinnere mich nicht mehr. Mir fiel jedenfalls heute auf, dass es mir leicht fiel darüber zu sprechen. Dann war da ein Mädchen in der S-Bahn, die mich neugierig musterte und als sie fast grinste da musste ich auch grinsen.

Nach der Wohnung in Tiergarten, dann am Abend, eine WG in Friedrichshain. Eine vorbildliche so saubere und schöne WG, hatte ich auch noch nicht gesehen. Dort sprach ich offen über den Bart, als Projekt und bekam gleich noch eine lustige Episode erzählt. Eine Freundin hätte Barwuchs an der einen Backe, so kreisrund und sie hatte genug vom ewigen Zupfen und Rasieren und lies ihn wachsen. Ein kleines Mädchen, die sie sah sagte darauf zu ihr:“Iiiiiih an deiner Backe da schimmelt es ja!“ Und die Frau darauf: „Das ist kein Schimmel, das ist ein Bart.“ Worauf das Mädchen erwiederte: „Nein das ist Schimmel!“

Ich musste sehr lachen.

Und von einer Töpferin wurde erzählt, die immer so kleine Gnome machte und selbst einen blonden unregelmäßigen Haarwuchs im Gesicht hatte, der vielleicht nicht jedem gefiel, doch der supergut zu den Gnomen, die sie verkaufte passte.

Ich denke der Bart führt mich. Das wo ich mit Bart nicht hinpasse, das passt auch nicht zu mir, denn der Bart ist Teil von mir. Und so merke ich schneller, wo ich nicht hingehöre und was nicht passt. Irrungen und Umwegen wird vorgebeugt. Verstellen ist nicht mehr möglich und ich werde integerer. Authentischer. Ich.

Ich mag nicht dieses falsche Spiel mit Oberflächen. Ich meine ich will mich nicht anpassen und so auftreten und aussehen müssen wie es irgendwer von „Oben“ diktiert. Seien es die Medien der Arbeitgeber oder sonst wer!

Ich will frei sein.

Gleichzeitig bin ich auf eine Art wieder freier, wenn ich ohne Bart in der U Bahn fahre. Dann bin ich unsichtbarer von Außen, und dadurch bekomme ich weniger Blicke, doch innerlich mache ich mich dann unfrei.

In meinem bisherigen Leben dachte ich oft „ich bin anderes“, „Ich sehe nicht „normal“ aus“, „ich gehöre nicht dazu. Nun haben diese Gedanken ihre Berechtigung, mehr denn je. Der Bart zeigt sich. Blicke gibt es noch mehr.

Menschen tuscheln, reiben sich übers Kinn oder lachen wenn sie mich sehen.

Eine Frau mit Bart ist also etwas „lächerliches“?

Das ist schon interessant. Ich wollte Menschen immer schon zum Lachen bringen. Clownin sein. Nun mit dem Bart brauche ich wohl noch nicht mal mehr die Rote Nase!! Wer weiß wohin mich mein Bart noch führt.

Tagebuch 14. Tag

Zwei Wochen sind es nun, daß mein Bart wächst. Täglich eine halbe Stunde Zeit mehr zur Verfügung …da ich die nicht mehr damit verbringen muss zu zupfen!

Mein Bart wächst und ich mit ihm. Fühle mich voller Energie, Wut, Lust, Aggression, es ist was los in mir es brodelt….meine Energie will hinaus und ich bin aufgeregt.

Der Bart führt mich. Er sagt mir was ich zu tun habe. Wir sind Freunde. Ich mache mich und meinen Bart zu einem Kunstprojekt!

Anfangs vermisste ich das Zupfen. Nun habe ich es vergessen und bin froh, daß ich mir diese Schmerzen nicht mehr antue!

Wieder ist heute ein Tag an dem ich mir Wohnungen anschaue. Eine WG und eine Einzimmerwohnung.

Ich muss durch Neukölln und Kreuzberg durch und merke wie ich mich unwohl fühle und Angst habe. Später komme ich nach Tiergarten und Mitte und auf den Alex, und in das Nicolaiviertel, wo all die Touristen sind und es edler ist und sofort fühle ich mich sicherer – und auf eine andere Art noch mehr angeschaut.

Die letzten Monate verbrachte ich mit Künstlern aller Art und ich hatte ganz vergessen wie „Normal“ die normalen Menschen sind.

Die erste Wohnung eine Zweier-WG liegt am Kanal in Kreuzberg und eine hübsche junge Frau öffnet mir die Tür und ich meine zu beobachten wie sie mich mehrmals genauer anschaut. Ihre Blicken scheinen an meine Gesichtshaaren hängen zu bleiben und zu stutzen. Sie spricht nicht darüber. Ich auch nicht. Kurz wollte ich was dazu sagen, doch dann lies ich es. Wir sprachen, als sei nichts – doch irgendwie stand der Bart, zumindest für mich dazwischen, da ich weiter darüber nachdachte was sie wohl dachte. Der Blick aus dem Zimmer ist gigantisch! Ich blicke direkt auf den Kanal und in die riesigen Bäume. Doch irgendetwas gefällt mir nicht. Ich fühlt,e mich nicht ganz wohl. Ich ging wieder und lies es offen, ob ich das Zimmer nehme. Jetzt da ich darüber schreibe, weiß ich, daß es nicht das richtige Zimmer ist. Ich werde ihr absagen.

Da die Frau ein Stück jünger ist als ich, wünsche ich ihr innerlich ohne es zu sagen, Jemanden passenderen zu finden und mir ebenfalls etwas Passenderes zu finden.

Durch die Begegnung mit ihr, dachte ich darüber nach, wie oft wir Menschen im Alltag Dinge nicht ansprechen, die wir an anderen Menschen sehen und die ungewohnt sind, wie zum Beispiel eine Behinderung oder seltsame Flecken im Gesicht etc.. Ich will den Anderen nicht verletzten oder es ist mir peinlich darüber zu sprechen. Womöglich ist es dem, der das „Makel“ hat gar nicht so unangenehm darüber zu sprechen, denn schließlich lebt er/sie damit. Gelernt habe ich als Kind, die Klappe zu halten, darüber hinweg zu schauen und so zu tun als sei nichts. So bin ich auch heute oft unsicher, wie ich jemanden ansprechen soll, wenn mich sein auffälliges Äußeres neugierig macht.

Während ich so durch die Stadt gehe und fahre und die vielen vielen Menschen betrachte, denke ich darüber nach wie uniform sie angezogen sind. Es herrschen gewisse Ideen darüber wie Mann/Frau sich anziehen und die Haare und den Körper zu haben hat.

Jedenfalls ist das alles so ein Einheitslook. Dann sehe ich am Alex ein Plakat:

Sei einzigartig

sei vielfältig

sei Berlin.

Das passt zu meinen Gedanken. Ich bin dafür, dass die Welt bunter und noch individueller wird, als sie ist. Jeder soll das aus sich rausholen, was er zurückhält und sich verbietet, an Kreativität und Ideen. Was da so alles in jedem einzelnen Menschen zurückgehalten wird, aus Angst. Wie Schade.

Kann mir an die eigene Nase greifen – und bin auf dem Weg. Hoffe noch mehr werden das tun und sich selbst inszenieren, damit die Welt bunter wird.

Die nächste Wohnung liegt in der Nähe des Alexander Platzes und ist eine Einzimmerwohnung.

Ich bin spät dran.

Und dann weiß ich warum. Die nun folgende Szene im Bus musste wohl passieren:

Sitze im Bus auf der rechten Seite hinten und ein älter Mann steigt ein und setzt sich schräg hinter mich auf die anderen Seite. Erst passiert gar nichts. Dann irgendwann treffen sich unserer Blicke und er grinst mich an. Ich grinse zurück. Ein Gedanke sagt mir, dass er über den Bart grinst. Nach einer Weile wage ich wieder einen Blick nach Hinten und noch einmal treffen sich unsere Blicke, dann steht er auf und kommt auf mich zu. Er beugt sich zu mir runter und fragt ob er mich hier im Bus schon mal gesehen hätte? Er würde jeden Tag um etwa die gleiche Zeit mit dem Bus diese Strecke fahren. Nein. Nicht das ich wüßte….(vielleicht in einem anderen Leben)…dann erzählt er mir, daß er gleich zum Geburtstag geht, und blickt dabei auf den eingewickelten Blumenstrauß in seiner linken Hand. Als nächstes fragt er mich, ob ich verheiratet bin. Ich mache eine Geste wie ja sowas ähnliches. Und er darauf: Schade. Dann folgen Komplimente ich sähe schön aus besonders die Figur. Huch, da findet mal einer dicke Busen und füllige Figur gut! Er ist ein bischen alt für mich denke ich. Verspüre keine Lust auf körperliche Nähe mit ihm auch wenn er ein süsser und sympatischer Mann ist, der viel Lebenslust versprüht. Als Junger Mann war er sicherlich sehr attraktiv denke ich.

Er wohne gleich 1 Minute von hier sagt er, als er aussteigen muss.

Ich wünsche ihm noch eine schöne Geburtstagsfeier und von draußen grüßt er mich nochmal durchs Fenster.

Seltsam denke ich. Haben ihn meine Haare im Gesicht nicht gestört? Hat er sie etwa nicht gesehen? Oder war er nur auf die Figur fixiert?

Eine Station weiter steige ich aus, um die Wohnung zu besichtigen und denke noch hoffentlich wohne ich demnächst nicht hier denn dann muss ich ihm noch öfters begegnenn…und wie halte ich ihn mir vom Leibe?

Da ist sie wieder die Angst. Die Angst vor etwas was es nur in meiner Fantasie gibt. Denn es ist nichts passiert. Ich bereite schon wieder die Zukunft mit meinen Gedanken vor.

Also Stop. Denk an was Schönes.

Konzentriere dich auf das was du willst und nicht auf das was du nicht willst. Denn: das woran du denkst vermehrt sich!

Plötzlich ist alles Anders.

Ich entdecke so viel interessantes und so viel Schönes in dieser Stadt was ich zuvor nicht sah.

Im Internet stoße ich auf so interessante Räume in Berlin.

Und ich denke es liegt an mir was ich sehe.

Denke da an Abraham Hicks. Am 18.8.08 bekam ich folgende Message gemailt:

Life is supposed to be fun. You said, „I’ll go forth and choose. I’ll look
at the data, and I’ll say, yes to this, and yes to this, and yes to this,
and I’ll paint a picture of the things that I want, and I’ll vibrate about
them, because that’s what I’m giving my attention to. And the Universe will
respond to my vibration. And then I’ll stand in a new place where a whole
new batch of yeses are available, and I’ll say yes to this, and yes to
this, and yes to this.“ You did not say, „I’ll go forth and struggle into
joy“, because from your Nonphysical Perspective you know it is
vibrationally not possible. You cannot struggle to joy. Struggle and joy
are not on the same channel. You joy your way to joy. You laugh your way
to success. It is through your joy that good things come.

Excerpted from a workshop in Los Angeles, CA on Sunday, August 2nd, 1998

Wäre eigentlich ein schönes Schlußwort für heute.

Und dann hab ich doch noch was geschrieben:

Ich schaute mir die Einzimmerwohung an. Schön luftig mit vielen Bäumen und grün drumrum. Gefiel mir. Nach der Besichtigung wieder unten sitze ich auf der Bank unter dem großen Kastanienbaum vor dem Haus mit der Einzimmerwohnung. Entspanne mich und denke nach. All diese verschiedenen Welten die ich täglich sehe. Jeder Mensch ist eine Welt für sich.

Fühle mich verwirrt.

Wohin gehöre ich? Immer noch suche ich nach meinem Platz. Was bin ich? Wer bin ich?

Wie kann ich mit dieser Vielfalt umgehen?

Verwirrung entsteht in mir vielleicht auch weil ich noch immer überall dazugehören will.

Sollte das mal aufgeben.

Ich bin ich bei mir. Fertig.

Es ist windig und ich genieße den Wind, die Luft und blicke dabei auf zwei südländische Mädchen, die vor dem Haus miteinander lachen und spielen. Erst nach einigen Minuten fällt es mir auf.

Das eine Mädchen hat da wo die rechte Hand sein soll nur einen Knubbel. Doch sie scheint das nicht zu stören. Wild gestikuliert sie auch mit diesem Arm und lacht, ist vergnügt und beide sind so unbefangen miteinander. Wie es wohl dazu kam frage ich mich? Ich bin neugierig. Und ich frage sie nicht.

Die Welt ist so aufregend, vielfältig und überraschend – jeden Moment neu.

Tagebuch 13. Tag

Heute war ein schöner Tag. Ich stand auf und war mit meinem Spiegelbild und meinem beginnenden Bart zufrieden. Hatte kaum Angst und konnte hinausgehen.

Reaktionen waren wenn dann angeschaut zu werden in der U Bahn. Ich schaute zurück. Und meist wandten sich die Gesichter daraufhin wieder ab. Es sind Wenige die schauen.

Ich beschloss mich schöner anzuziehen und kaufte im Schlussverkauf ein Jacket. Ich will experimentieren wie ich mich fühle und beobachten, ob die Reaktionen anders sind, je nachdem was ich anhabe, in Hinblick auf den Bart.

Ein edles Kleid oder ein Jacket, ein Anzug, eine Lederjacke – Kontraste setzen.

Sonst gibt es gerade wenig zu sagen. Es ist Flaute in meinem Hirn. Ich suche eine neue Wohnung. Muss in den nächsten Tagen Einige besichtigen und bin gespannt was passiert. Wird eine Frau mit so einem „Gestrüpp“ im Gesicht eine Wohnung oder ein WG Zimmer bekommen??