Abendessen in Spiddal…..Tagebuch, 66. Tag

Freitagmorgen, um kurz nach 9, erwachte ich aus einem Traum von einer stoppelbärtigen Frau, die Straßentheater machte. Überrascht immer wieder bärtige Frauen zu treffen, in meinen Träumen.

Nach dem Aufstehen traf ich in der Küche des Hostels eine sympatische Frau aus Dänemark, die mit ihren beiden erwachsenen Töchtern Irland bereist. Ich fand sie angenehm und schade dass wir nicht mehr Zeit miteinander verbringen konnten.

Das gefällt mir sehr am Reisen, dass ich immer wieder interessante Menschen zu treffe, die ich sonst nicht kennen gelernt hätte.

Nach dem Frühstück packte ich meine Sachen, um zur Lady nach Spiddal zu fahren wo ich gegen Kost und Logis arbeiten kann für ungefähr eine Woche, so schrieb sie es auf dem Zettel.

Bei strömendem Regen, ging ich in die Stadt um die PPS Nummer, die irische Sozialversicherungsnummer (public personal number), zu besorgen und um Schuhe zu kaufen.

Als ich bei der Ausgabestelle für die PPS Nummer ankomme, wurde der Schalter gerade geschlossen und ich sollte um 14 Uhr wiederkommen. Man gibt mir schon einmal ein Formular mit das ich ausfüllen soll. Das tue ich.

Ich nutze die Zeit und kaufe mir Gummistiefel und gute feste Schuhe, denn die Schuhe, die ich anhabe lösen sich gerade in all ihre Bestandteile auf. Glücklicherweise hat mir meine Mutter auf meinen Hilferuf per email, Geld überwiesen (vielen Dank Mama!).

Als ich um 14 Uhr an den Schalter komme, und keinen schriftlichen Nachweis über einen Wohnsitz in Irland dabei habe, bekomme ich auch keine PPS Nummer.

Hätte ich doch nur auf meine Intuition gehört denke ich später. Diese sagte mir nämlich, das ich mir heute die Nummer nicht besorgen müsste. Ich wollte eigentlich bei Baboro dem Kinderfestival, das ab Montag hier in Galway stattfindet, fragen ob sie einen Job haben. Statt dessen vergeudete ich meine Zeit mit dieser Nummer. Und musste einen viel zu späten Bus nehmen.

Ich ging zurück zum Hostel, hole mein Gepäck um den Bus um kurz nach drei zu nehmen. Bei immer noch strömendem Regen komme ich beim Bus an und mir wird gesagt dieser sei nur für die Schulkinder. So darf ich zusammen mit einigen anderen verärgerten Passagieren nochmals 40 Minuten bis um 16:20 Uhr warten, ehe ich mit dem Bus fahren kann.

Ich schreibe der Lady ne SMS damit sie weiß was los ist.

Draußen strömt der Regen. Ich stelle mich zu den anderen Wartenden in die Bahnhofshalle.

Um 16.20 Uhr sitze ich endlich im Bus nach Spiddal mit feuchter Kleidung. Laut Fahrplan dauert die Fahrt über 40 Minuten, für wenige 13 km. Seltsam.

Nachdem wir einige Zeit im Stau gestanden haben, weiß ich warum.

Die Landschaft verändert sich, wird wilder und ursprünglicher. Ich sehe das Meer….schön. Wild treffen die Wellen an den schmalen, mit Felsen durchsetzten Uferstreifen auf. Auf der gegenüberliegenden Seite stehen vereinzelte und gepflegte Häuser, auf einem leicht ansteigenden Gelände. Kleine Steinmäuerchen und schön geschnittene Hecken säumen die Straße. Hat einen englischen Flair und erinnert mich auch etwas an die Algarve in Portugal.

Als ich in Spiddal aus dem Bus steige, regnet es immer noch. Ich stelle mich in einem Türeingang unter und warte. Nach zehn Minuten kommt ein sehr kleiner Wagen, wie ein Fiat, mit einer weißhaarigen Lady mit langen Haaren und parkt gegenüber.

Mit Mühe bekommen wir all mein Gepäck in das kleine Auto und sie kommentiert es mit das ich viel dabei habe und ob ich lange bleiben wolle. Gleich zu Beginn stellt sie klar, dass ihr Haus nur gut ist für ein paar Tage, um mich vom Hostel zu erholen und es nicht geeignet sei für Leute die Arbeit suchen, da ihr Haus zu weit von Galway entfernt ist, um in der Stadt nach Arbeit zu suchen.

Hat sie Angst ich könne mich bei ihr einnisten und mich zu wohl fühlen? Ich sage gleich, das ich das ok finde nur für ein paar Tage zu bleiben, um sie zu beruhigen.

Bevor ich hier ankam war ich schrecklich nervös und aufgeregt. Was würde mich erwarten? Würde ich mit der Lady klarkommen und sie mit mir? Wie würden wir uns finden?

Nun bin ich im Haus der Lady angekommen. In einer wilden Landschaft an der Küste von Galway Connemara. Sie lebt in einem kleinen Haus mit vielen kleinen Zimmern und einem Garten.

Noch beim Abholen sagt sie mir, das sie mein Bart irritiert. So hoffe ich das alles gut geht.

In weiteren Gesprächen am Abend kommt heraus, das das Thema behaarte Frau für sie schon immer ein Thema ist. Sie selbst hat nämlich viele Haare an den Beinen und sie weigert sich, unter anderem auch aus feministischen Gründen, sich ihre Beine und Achselhaare zu rasieren. Bis heute. Was dazu führte, das ihre eigenen Kinder nicht bereit waren mit ihr gemeinsam am Strand zu sitzen. Interessant, sie selbst beschäftigte sich mit dem Thema behaarte Frau, widersetzt sich der Norm und hat doch Schwierigkeiten mit meinem Bart umzugehen. Wer weiß was ein Bart für sie bedeutet?

Ich erwähne, das es mich wundert wie wenig die Iren bisher auf meinen Bart reagierten. Sie sagt, das Iren ihre Meinung meist für sich behalten und nicht so direkt wie die Deutschen wären.

Sie lebt fast schon 20 Jahre in dem Haus. Früher wohnte sie hier mit den nun erwachsenen Kindern und ihrem Mann, von dem sie geschieden ist. Das Haus ist gemütlich und konservativ eingerichtet. Überall hängen Gegenstände, die sie von Reisen mitbrachte. Draußen leben zwei Katzen die sie füttert. Manchmal raucht sie. Sie fragte mich, ob ich rauche und verspricht mir nicht in meiner Nähe zu rauchen.

Die Lady hatte mich viel früher erwartet, denn ihr Plan war es heute das Dach zu überprüfen, um zu sehen wo das Wasser, das den Kamin entlang ins Zimmer läuft, herkommt. Ich tippe auf ein Leck oben an der Grenze vom Schornstein zu den Ziegeln und das man die Stelle mit Blech abdichten muss.

Ihre Antwort ist, das schon viele Leute hier waren, die sich das anschauten…und so wie es aussieht wohl nicht erfolgreich.

Abgesehen vom feuchten Kamin gibt es auf ihrer Liste noch viele andere Dinge, die erledigt werden müssen, so zum Beispiel das Unkraut zu jäten und den Garten um zu graben.

Sie schien ein wenig verstimmt zu sein, dass ich erst gegen 17 Uhr kam. Als wir telefonierten sagte sie mir es sei egal wann ich komme. Hätte ich nicht noch versucht diese PPS Nummer zu bekommen, so wäre ich einige Stunden früher angekommen und vielleicht wäre ihre Laune dann besser?

Es ist Abend gegen 18 Uhr und ich sitze mit der Lady bei einem Tee am Tisch, in der Küche und wir unterhalten uns. Eine interessante Frau. Man könnte sie als ehemalige Hippie bezeichnen.

Wir warten auf einen Freund, der zum Essen kommt und das Essen mit bringt. Ich stelle mir einen älteren Herrn vor, doch als die Tür aufgeht kommt ein junger, sehr lebhafter Mann herein.

Im Laufe des Abends zeigt sie ihrem Freund und mir Fotos von sich aus der Hippie Zeit. Auf einem der Fotos sind viele schlanke, blonde, langhaarige Männer und sie selbst mit langen dunklen Haaren und super Figur zu sehen, irgendwo in einem Haus am Strand. Das war in den 60ern und all die Menschen auf dem Foto haben eine schöne Ausstrahlung. Sie erzählt uns viel von ihren Reisen, die sie als junge Frau mit einem Freund und zum Teil auch alleine unternommen hat. Von einer Reise, die sie mit dem Schiff von Australien über Südamerika zurück nach Europa machte oder per Anhalter von London bis nach Indien…Immer wieder machten sie und ihr Freund super Erfahrungen mit der Gastfreundschaft und der Hilfsbereitschaft der Menschen, denen sie begegneten. Später gibt sie zu dass sie all das negative was es auch gab verdrängt. Reisen war immer das Einzige was sie wollte, sagt sie. Später heiratete sie einen anderen Mann, nicht den Freund mit dem sie reiste bekam zwei Kinder und arbeitete in einem Beruf.

Während sie fast die ganze Zeit erzählte, aßen wir unser drei Gänge Menü: Hähnchen mit Reis, Koriander, Kümmel und Paprika Gemüse. Dazu Salat mit Mozzarella, Tomaten und Basilikum und zum Nachtisch gab es Blaubeerpüree mit Sahne…hab gerade vergessen wie es hieß….schade, war so ein lustiger Name. Zum Essen gab es einen Rotwein aus Tarragona und als der alle war noch einen aus Chile.

Es war ein angenehmer und unterhaltsamer Abend. Ich fühlte mich wohl. Das lag sicherlich auch an dem männlichen Besuch, der mir sehr sympatisch war. Ein süßer Mann mit halblangen, etwas gewellten dunklen Haaren und fast dem selben Bart wie dem meinen. Er wird in einigen Tagen für einige Monate zu seiner Freundin in die USA fliegen. Tja wenn mir dann mal einer gefällt….

Auf einem der Fotos die wir ansahen, hatten einige Hippies so richtig lange Bärte und er meinte dann zu mir: „Das hier ist ein Bart“ und zeigte dabei auf das Foto, „Nicht das da!“ und zeigte auf mich.

Als ich in meinem Zimmer bin, höre ich in der Ferne die Brandung.

Durch ein Gespräch am Tisch denke ich nochmals im Bett darüber nach was es für mich bedeutet den Bart wachsen zu lassen:

Es ist ein Schritt auf dem Weg dahin, mich selbst so wie ich bin zu lieben. Es ist ein weit verbreitetes Phänomen, dass Menschen sich selbst nicht lieben. Lange Zeit dachte ich, und ich gehe davon aus, das es auch viele andere Menschen denken, dass ich mich und meinen Körper verändern müsste, um geliebt zu werden, und um den Maßstäben der Gesellschaft gerecht zu werden und um dazu zu gehören.

Es ist ärgerlich und macht mich traurig, das ich dachte, das ich nicht in Ordnung bin, so wie ich bin. So wie mein Körper ist. So wie ich spreche und gehe und was ich tue.

Kleine Kinder werden ständig bewertet und verunsichert. Und je nach den eigenen Anlagen kann es mehr oder weniger Spuren hinterlassen.

Gott oder die Natur, je nachdem woran man glaubt, hat den Menschen erschaffen, wie er ist. Und es wäre wünschenswert, wenn man so relaxt sein könnte, einfach zu sein wer man ist, und nicht zu denken, das mit einem was nicht stimmt, nur weil man nicht wie das Model aus der Werbung aussieht, oder irgendeinem künstlichen Ideal entspricht.

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