Tagebuch, 70. Tag

Heute arbeitete ich von 9 Uhr bis 14 Uhr in der Black Box von Galway, als Crew von Baboró, dem Internationalen Kunstfestival für Kinder.

Wieder einmal begann der Tag mit strömendem Regen. Später hörte ich, daß eine Schule geschlossen hatte, da die Straße überflutet war, die zur Schule führte!

Als ich an der Black Box ankam, war ich die Erste und noch eine Viertel Stunde zu früh, da ich auf keinen Fall zu spät kommen wollte. Durch den starken Regen und den langsamen Verkehr kamen einige der Crew etwas später.

Um 10 Uhr gab es eine Theatervorstellung der Compagnia Rodisio aus Italien, die Storia di una Famiglia zeigten. Die Schauspieler waren technisch sehr gut. Das Stück hatte jedoch einige Längen und war für die Kinder meiner Meinung nach nicht so wirklich geeignet. Selbst ich wurde an einigen Stellen unruhig.

Als Crew war es meine Aufgabe die Gruppen in den Saal zu bringen und während der Vorstellung aufzupassen. Es war einfach.

Was nicht so einfach war, merkte ich erst nach den fünf Stunden. Das waren die Reaktionen der Lehrer und der Kinder. Diese erschrockenen Blicke. Oder auch das Flüstern, sich fast lustig machen und kichern, aber nicht direkt. Keines der Kinder traute sich etwas zu mir zu sagen. Auch dann nicht, wenn ich freundlich lächelte.

Als ich um zwei Uhr ging, hatte ich ein seltsames Gefühl. Viele Zweifel. Überlegte mir, ob ich den Bart wieder entfernen sollte. Würde sich dann was ändern? Wäre ich dann integriert? Würde ich mich dann als Teil der Bevölkerung, und der Schulgruppen, die da kamen fühlen? Nein. Denn was ich da erwarte, ist zu viel. Ich bin neu hier und will schon integriert sein und voll aufgenommen. Ein hoher Anspruch. Das wäre auch ohne den Bart nicht so.

Ich ging durch die Stadt um nochmal im Büro von Barboro nach den Arbeitszeiten für das Ende der Woche zu fragen. Während ich lief, fühlte ich mich traurig und niedergeschlagen. Fühlte mich verloren und einsam und ohne richtigen Kontakt zu der Welt.

Wie schön ist es doch sich willkommen zu fühlen und verstanden. Eingebettet zu sein in einen Freundeskreis.

Davor laufe ich jedoch auch weg. Zu schnell wird mir alles zu eng. Es gibt Freunde, die ich anrufen kann. Ich könnte telefonieren. Doch dann denke ich: Nein. Das hier muß ich diesmal mit mir klären. Ich habe mir diesen Weg ausgesucht. Und die Person, die mir jetzt helfen kann, bin ich. Es geht darum, daß ich mich liebe und annehme und dies nicht von der Welt da draußen erwarte. Darüber stolpere ich immer wieder.

Ich erwarte von den anderen Menschen mir das zu geben, wozu ich heute anscheinend nicht fähig war. Mich willkommen zu heißen, an mich zu glauben, mich und das, was ich mache gut zu finden und mit mir auf einer freundschaftlichen Ebene zu kommunizieren.

Vielleicht bin ich auch zu sehr auf die Blicke der Anderen konzentriert. Beziehe alles auf mich und sehe nur die Bedrohung, projeziere meine Ängste auf die Anderen, meine Unsicherheiten.

Ich hatte heute Angst, ich würde die Arbeit nicht gut machen. Lächerlich eigentlich. Zum Einen war die Arbeit supereinfach und zum Anderen habe ich nun wirklich schon soooo viel in meinem Leben gemacht, daß dieser Komplex nicht nötig wäre.

Aber immer noch fällt es mir schwer mich nicht verunsichern zu lassen von äußeren Gegebenheiten und den Reaktionen der Menschen. Ich muß noch mehr in den Kontakt mit mir kommen.

Der Weg ist immer wieder steinig…..ich darf nicht verzweifeln…weitergehen…und es wird sich auch wieder verändern.

Ich vermute auch, daß ich traurig war andere zu sehen, die auf der Bühne stehen und sich auszudrücken, etwas, was ich auch gerne tun würde, es mir aber nicht zutraue.

Nach der Theatervorstellung gab es noch eine Vorstellung von Tom Chapin, einem amerikanischen Musiker, der Kinderlieder und Lieder für Familien macht und der im englischsprachigen Raum sehr beliebt und bekannt ist. Ich würde sagen er ist ein Mensch, der das was er macht mit Begeisterung macht und der einfach Lebensfreude und Spaß verbreitet und das ist soo heilsam. Die Kinder sangen mit klatschten und es war unglaublich wie das Publikum aufblühte. Die Kinder hier haben so schöne Stimmen, anders als ich es noch aus meiner Schulzeit kenne.. die Iren lieben die Musik und machen auch viel Musik. Vermutlich singen sie sehr viel. Ich war jedenfalls sehr beeindruckend.

Abends ging ich mir ein Puppentheaterstück anschauen, daß mich sehr berührte und eines der Schönsten ist, die ich je sah.

Es ist ein Zweipersonen Stück, daß mich von Stil an die Vorstellungen von SchülerInnen der Ernst-Busch- Schule in Berlin erinnerte. Die beiden Frauen kamen allerdings aus Dänemark, wo sie auch ihre Ausbildung gemacht haben. Die Gruppe heißt Carte Blanche und das Stück: Mit Loft under Himlen. Hier ein Link zu Fotos vom Stück auf deren Seite (aber es zu sehen ist was anderes! Wirklich sehr zu empfehlen!)

http://www.cblanche.dk/Dansk/Galleri/Mit_loft.html

Es war ein Stück wie ein Traum. Spielte auf dem Dachboden, man wurde in die Welt des Kindes zurückversetzt und es gab keine Dialoge. Wunderschön, und von allen Seiten des Publikums hörte ich Worte der Begeisterung. So endete der Tag doch noch schön. Hier noch ein Foto vom Spirit Raum in Galway. Ein Ort für Yoga, Meditation und ähnliches.

2 thoughts on “Tagebuch, 70. Tag

  1. Guten Morgen,

    Du machst herrliche Erfahrungen; die erinnern mich an meine Zeit damals in Berlin und an die vielen kleinen Kinder-Theater, die ich mit meiner Kindergartengruppe besuchte.
    Theaterleute sind doch meistens tolerant? … und Kinder kommen in einer solchen Vorstellung sowieso nicht aus dem Staunen heraus. Sicherlich hat es mehrere Ursachen, wenn Du dich fremd fühlst: Du bist neu dort, Du bist im Ausland, Du hast einen (für viele Menschen) besonderern Status. Das wird schon! Mir geht es manchmal ähnlich; einerseits möchte ich nicht wie viele Andere sein, möchte mich unterscheiden, aber andererseits möchte ich natürlich auch „geliebt“ werden.
    Jedenfalls hast Du wunderbare Erlebnisse und lässt viele Leser an dieser Lebendigkeit teilnehmen. Du hast bestimmt eine „Fangemeinde“, die Dich sehr mag und in Gedanken bei Dir ist. Ich hoffe, das trägt Dich etwas.
    Herzliche Grüße
    Claus-Peter

    Gefällt mir

  2. Lieber Claus-Peter, vielen Dank für Deinen Kommentar und die Aufmunterung. Die Fangemeinde ist noch am wachsen…aber schön von Einigen zu wissen, die an meiner Seite sind.
    Liebe Grüße
    Marianna

    Gefällt mir

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s