Montag… Tagebuch, 245. Tag

foto276Ausflug nach Karlsruhe zu meiner Cousine und ihren Kindern, die mich mit Bart noch nicht gesehen haben, außer auf Fotos. Als wir ankamen, sagte meine Cousine, der Bart sähe in echt nochmal anders aus. Ich kriege keine genaue Antwort wie anders….

foto1101Ihre Kinder, die 1 und 3 Jahre alt sind, spielten mit mir, ohne irgendeine Reaktion auf meinen Bart zu zeigen. Meine Cousine sagte auch nichts Negatives darüber. Ich denke sie findet einen Bart bei einer Frau gewiss nicht gut oder schön, doch sie lebt ihr Leben und lässt die Anderen auch in Ruhe.

foto288Nach dem Kaffetrinken gingen wir auf einen großen Spielplatz, wo es von Kindern und Eltern nur so wimmelt. Es war mein Wunsch, denn ich wollte auf eine große Rutsche….. Doch nun so viele Menschen, die erst einmal schauen…ich bekomme Angst. Es ist schwül und die Luft steht. Sandstaub erfüllt die Luft. Die Erwachsenen und einige Kinder mustern mich. Nach einigen Minuten – oder war es eine viertel Stunde – schaut keiner mehr. Ich wage es nicht zu rutschen, die Rutsche erscheint mir auch etwas zu kurz, doch ich balanciere auf den Baumstämmen und freue mich daran. Danach fühle ich mich erschöpft. Irgendwie steigere ich mich wohl in meine Phantasien hinein und kriegte den Kopf nicht klar.

Ich fühle mich unwohl. Es ist schon schwer die Tage bei meiner Mutter zu verbringen, die es lieber hätte, wenn ich meinen Bart abschneiden würde. Doch ich muss sie loben, denn im Moment lässt sie mich in Ruhe und sagt auch nichts mehr zu dem Thema. Vielleicht findet sie es ja auch interessant oder amüsant mit mir durch die Straßen zu gehen? Ich weiß es nicht. Sie ist nun auch schon etwas älter und muss sich nicht mehr darum bemühen anerkannt zu werden oder einen Job zu bekommen….vielleicht wird Frau dann freier……

Auf dem Spielplatz fühle ich mich heute schwach und mache mir zu viele Gedanken, was die anderen Menschen denken könnten…wie zum Beispiel, dass alle „normalen“ Eltern ein Unbehagen empfinden würden, wenn da eine Frau mit Bart über den Spielplatz läuft…..die auch noch wie so ein „Hippie“ herum läuft…vermutlich bin ich es, die ein Unbehagen dabei hat an den „normalen“ Eltern auf dem Spielplatz vorbei zu laufen, zumindest heute.

foto077Mir wird der Kontrast zwischen mir und den „Anderen“ deutlich. Mein Lebenswandel und meine Interessen sind nicht gewöhnlich …also auch ohne Bart würde ich nicht zur Gruppe der Eltern auf dem Spielplatz gehören. Unter den Aussteigern in Portugal fühlte ich mich zugehöriger. Mich mit mir gut zu fühlen, ohne mich durch Blicke bedroht zu fühlen fällt mir heute nicht leicht. Meine Fantasie spinnt mal wieder eine komplizierte Geschichte, die bedrohlicher ist, als die Realität. Die Menschen schauen. Ja. Klar, denn es mag das erste Mal in ihrem Leben sein, dass sie eine Frau mit einem Bart sehen. Dass die Blicke irgendetwas bedeuten und dass die Blicke mich zerreissen könnten, oder dass ich vom Spielplatz verschwinden sollte, das ist rein meine Fantasie. Niemand sagte so etwas zu mir. Ob es jemand dachte, kann ich nicht beweisen. Ich projeziere meine Ängste nach Außen und falle mal wieder darauf rein! Das innere Kind hat Angst. Und mein erwachsenes Ich versteckt sich gerade anstatt dem Kind Zuspruch zu geben und es zu stärken!

Und ich frage mich, warum empfinde ich es als bedrohlich Menschen zu begegnen die ich als Anders wahrnehme?

In einem Seminar erfuhr ich mal, dass alle Menschen Angst vor den anderen Menschen haben und dass jeder Mensch jeden Menschen liebt. Und je nachdem, wie es einem Menschen gerade geht befindet er sich mehr in der Liebe oder in der Angst, wenn er einem anderen Menschen begegnet. Und die Angst ist eine Lüge – in vielen Fällen ist sie nur eine Projektion meiner Schatten auf die Welt da draußen. Zum Beispiel meiner nicht ausgelebten Konflikte und Aggressionen.

Interessant, wie die Fantasie die Macht hat, meine Emotionen und meinen Fluchttrieb zu beeinflussen. Wie ich vor meinen eigenen Projektionen davon laufen will!

Ein anderer Gedanke, der mir jetzt kommt ist, warum will ich dazu gehören? Will ich immer dazu gehören, wenn ich mich schwach fühle? Oder ist es einfach nur ein normales menschliches Bedürfnis mitzumachen, dabei zu sein und dazu zu gehören? Eine Sehnsucht nach Harmonie? Gefühle der Trennung sind nicht harmonisch…

Das hat nichts mit dem Bart zu tun. Er bringt mir mein Inneres mehr zu Bewußtsein!! Danke.

Wenn ich alleine gewesen wäre, dann wäre ich gleich wieder gegangen. Meiner Mutter habe ich es zu verdanken, dass wir schneller, als ich dachte, wieder gingen, denn der Sandstaub auf dem Platz machte ihr zu schaffen.

Jetzt bin ich froh am Abend wieder bei ihr zu Haus zu sein und keine Fremden sehen zu müssen. An manchen Tagen will ich einfach nur in Ruhe gelassen werden und da sind mir andere Menschen einfach zu viel.

One thought on “Montag… Tagebuch, 245. Tag

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s