ZUM LACHEN….Tagebuch, 278. Tag

Foto991Immer noch bin ich auf der Suche nach einer schönen Bleibe. Leider noch nix passendes gefunden. Träume von einer Wohnung mit Dielenboden, frischer Luft, Natur, Wasser, Bäumen und Wiesen, Weite und Wind und einem guten Gefühl, erfüllt und glücklich……die Frage ist nur wo? – Berlin ist faszinierend und spannend und aufregend. Doch das, wovon ich träume gibt es in Berlin wenn, dann wohl nur am Rande der Stadt. Die Stadt selbst empfinde ich in diesen Tagen als pulsierend, angespannt und wie auf einem Vulkan, der kurz vor seinem Ausbruch steht. Als ob es unter der Oberfläche brodelt…..sich etwas vorbereitet….ich spüre Aggressionen, starke Emotionen, besonders wenn ich an der Schönhauser Allee umsteigen muss am Abend…Berlin ist groß und jede Ecke anders….wäre nicht verwunderlich, wenn die Menschen innerlich kochen in dieser Zeit, wo sich Einiges verändert, Menschen ohne Arbeit sind, oder Angst davor haben ihren Job zu verlieren….

Wach AUF!Zum Lachen der Menschen über meine Erscheinung wollte ich hier was schreiben.

Wenn die Menschen mich mit dem Bart sehen, dann gibt es die unterschiedlichsten Reaktionen. Die einen schauen gleich wieder weg. Andere immer wieder hin, um sich zu vergewissern was sie da eben gesehen haben. Manche müssen ziemlich schnell loslachen und können kaum wieder aufhören, lachen nach zehn Minuten immer noch, bekommen Seitenstechen vom vielen Lachen und halten sich die Hand oder ein Tuch vor den Mund, um es zu überdecken! Einige fragen sich, ob ich ein Mann oder eine Frau bin und rätseln lange herum. WARUM ist es so wichtig einen Menschen in MANN oder FRAU einzukategorisieren? WAS BEDEUTET es für mich, wenn der MENSCH, der mir gegenüber steht EIN MANN ist? WAS BEDEUTET es für mich, wenn der MENSCH, der mir gegenüber steht EINE FRAU ist? FÜHLE ich mich mit mir und dem MENSCHEN dann ANDERS? VERHALTE ich mich ANDERS? WÜRDE ich mich ANDERS VERHALTEN wenn der MANN eine FRAU wäre…? Und die FRAU ein MANN wäre…? Interessante FRAGEN finde ich…..

Ich freue mich, wenn ich die Menschen zum Lachen bringen kann. Ich freue mich darüber, wenn es ein entspanntes und losgelöstes Lachen ist. Manchmal kann ich nichts dagegen machen und muss auch mitlachen. Bisher empfand ich das Lachen, das als Reaktion auf meine Erscheinung auftritt, angenehm. Ob die zwei jungen Männer gestern abfällig über mich lachten weiß ich nicht. Ich meinte eine Verunsicherung in ihren Gesichtern gesehen zu haben. – So eine Frau mit Bart, die stellt die bekannte Realität ganz schön auf den Kopf! In der Schule lernen wir, das Frauen keinen Bartwuchs haben. Haben sie aber doch und heimlich im Bad zupfen sie sich die Barthaare aus! Nicht alle. Genauso wie nicht alle Frauen Barthaare haben – genauso haben nicht alle Männer Bartwuchs. Ja tatsächlich. Es gibt Männer denen wachsen keine Barthaare und auch sonst am Körper fast keine Haare, bis auf die Kopfbehaarung und die Augenbrauen. Es gibt viel mehr Dinge die ANDERS sind, als uns allgemein gesagt wird.

Frauen, die einen Bart hätten, passen sich an, wollen im Gesicht aussehen wie Models, aus Angst nicht dazu zu gehören, und ausgegrenzt zu werden. Ob das wirklich passieren würde haben sie nie getestet, wage ich hier zu behaupten. Die Angst ist ein Motor für unser Handeln und Tun. Und leider erliegen wir sehr oft unserer eigenen Angst und lassen uns von ihr bestimmen. Ohne sie in Frage zu stellen, werden wir sehr oft im Leben Sklave unserer eigenen Angst.

Indem ich meinen Bart wachsen lasse, will ich dem Ganzen etwas entgegensetzen. Ich will, das man sieht, das es das auch gibt und geben kann und zwar hier und jetzt und nicht irgendwann vor hunderten von Jahren. Will den Horizont der Menschen erweitern. Wenn es sie belustigt auch gut. Auch ein Zeichen, das sich was dadurch in ihnen bewegt. In erster Linie mache ich es für mich. Und in zweiter möchte ich damit etwas bewirken. Je mehr Frauen sich nicht einem ungeschriebenen Diktat der Mode und der Industrie unterwerfen, um so mehr Frauen werden dann vielleicht hin und wieder einen Bart tragen, wenn sie einen haben und es möchten.

Indem ich als Frau einen Rock und einen Bart zur gleichen Zeit trage, wird es vielleicht auch eine Öffnung und ein Bewußtsein dafür geben, das es Hermaphroditen gibt, und das es nicht nur zwei Geschlechter gibt, sondern viel mehr.

Menschen, die zwischen den Geschlechtern geboren werden, werden meist noch als Kleinkinder umoperiert, können nicht sein wie sie sind. Oft nehmen sie sich das Leben, weil sie dem Druck sich in ein Geschlecht zu zwängen nicht gewachsen sind und die Gesellschaft mit Menschen zwischen den Geschlechtern nichts zu tun haben will.

Männer, die sich als Frauen verkleiden kennt man nun schon. Transvestiten sind schon mehr oder weniger ein Teil der Gesellschaft und akzeptiert, wenn man mal von einigen extremen Gegnern absieht. Homosexuelle, Ausländer, Behinderte – alle möglichen Randgruppen, die noch zur Zeit des zweiten Weltkrieges auf grausame Art bekämpft und vernichtet wurden – werden nun als Teil der Gesellschaft akzeptiert. In Fernsehsendungen wie z.B. Lindenstraße, kommen diese Personen vor, um die Realität mit der wir täglich konfrontiert sind, darzustellen. Während ich das gerade schreibe, wird mir klar, dass noch vor über 70 Jahren die Freiheit in Deutschland eine Andere war. Und das ist noch nicht so lange her…kein Wunder, dass Menschen sich anpassen und Angst haben, denke ich da…..bei der Vergangenheit…..und noch weiter zurück wurden Frauen und Männer als Hexen verbrannt, es wurden Menschen gehängt und gefoltert die Anders waren und sich nicht anpassen wollten.

JETZT sind Dinge möglich, wovon man damals nur träumte.

Wenn Menschen keine Angst davor haben, das jemand ANDERS ist, dann müssen sie den auch nicht bekämpfen. Zu erkennen, das die Angst nur eine Geschichte ist, die wir uns erzählen, kann helfen sie mehr und mehr loszulassen.

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