462. Tag Klischees

Am Wochenende habe ich mir ein Theaterstück zusammen mit meiner Mitbewohnerin angesehen. Wir machten uns „schick“. Sie zog sich „weiblich“ mit Rock an, während ich Jeans und eine schwarze Lederjacke anzog, meine Haare offen trug wie ein Italiener mit Locken und Gel darinnen. Wir hatten Spaß daran als „Päarchen“ zu gehen. Als wir am Veranstaltungsort waren, wurde ich von meiner „Frau“ gleich auf meine „Männerrolle“ hingewiesen. Ich sollte ihr von der Bar etwas zu trinken bringen. Für mich war das ein seltsames Gefühl. Vielleicht war es die fordernde und etwas vorwurfsvolle Art, wie sie es sagte, da ich als „Mann“ nicht von selbst daran gedacht hatte! Und obwohl ich dachte mir würde es Spaß machen mal als „Mann“ zu gehen, empfand ich das etwas seltsam gleich in einer „Klischee-rolle“ zu sein, sie die Frau, ich der Mann. Und „der Mann hat der Frau etwas zu trinken zu bringen und sich darum zu kümmern ihr einen auszugeben“. Vielleicht war es das. Ich hatte das Gefühl ich müsste ihrer Erwartung entsprechen und eine Rolle spielen, die sie sich ausgedacht hatte.

Ich hatte Spaß daran in der Lederjacke zu gehen, die ich von meiner Mitbewohnerin bekommen hatte. Solch eine schwarze Lederjacke wollte ich schon seit Jahren haben!

Aber das ist keine Freiheit. Von einem Klischee ins nächste zu gehen. Alles ist möglich und man sollte mit dem was im Moment ist spielen können. Vielleicht hätte ich machohaft reagieren sollen, meinen Unmut auf witzige Weise kundtun…doch, noch ungeübt…rutschte ich in die gewohnte Rolle, ihren Wunsch zu erfüllen, damit sie sich wohl fühlt.

Mit den Bekleidungen sollten wir öfters spielen, und dabei die Klischees die dann auftauchen und in die wir automatisch verfallen, bewußt anschauen und hinterfragen und Formen finden, die authentischer sind, als die erlernten Klischees!

Klischee: „Im Haus bedient die Frau den Mann.“ – „Außer Haus führt der Mann die Frau aus und lädt sie ein.“

Wie eng! So empfinde ich das. – Andere mögen sagen: Wieso? DAS IST SO. Und damit machen sie sich das Leben leichter, denn jeder hat seine Rolle vorgeschrieben…..

Ein älteres Ehepaar um die 70, war mit dem Ausschank an der Bar beschäftigt. Die Frau unterhielt sich mit mir. Ihre Einstellung war super tolerant. Ihr war das egal, ob eine Frau einen Bart hat oder nicht. Das Innere des Menschen wäre ihr wichtig, nicht sein Aussehen, sagte sie mir. „Der kann aussehen wie er will.“ Im WDR hätte sie Anfang des Jahres einen Beitrag zum Damenbart gesehen und darüber, dass viel mehr Frauen einen hätten, als wir denken. Für sie war das eine Tatsache mit der sie keine Probleme hatte.

Ansonsten merkte ich an dem Abend doch wie ich mich Anfangs etwas unsicher fühlte unter den verhaltenen Blicken der anderen Besucher. Keiner starrte mich an, oder reagierte negativ. Manche schauten vielleicht neugierig, fragend oder irritiert.

Vielleicht fühlte ich mich unsicher, da ich und auch meine Begleitung von mir ein männliches Verhalten erwartete und ich gar nicht so recht wußte, wie ich mich verhalten sollte. Und so war ich zu sehr damit beschäftigt wie ich wirke, und ob ich meine männliche Rolle gut spiele – für mich war die Lederjacke noch ungewohnt und ich nicht so ganz bei mir. Wenn die Rolle ausgearbeitet und klar ist, und ich mich damit identifiziere, dann ist es leichter mich selbstsicher damit zu fühlen. Oder noch besser, wenn ich einfach bin wie ich bin, ohne nachzudenken.

Ja, zu Beginn des Abend machte ich mir zu viele Gedanken, wie ich in der männlichen Rolle sein sollte. Wie dumm von mir! – Später, als wir nach dem Stück zusammen saßen mit einigen SchauspielerInnen und dem Regiseur, da war ich wieder ich selbst, ohne über meine Kleidung oder Rolle nachzudenken und fühlte mich wohl.

Schon mit dem Gedanken, sie geht als Frau und ich als Mann versuchten wir Klischees zu erfüllen. Ich hatte Lust mich männlich zu kleiden und als Mann zu gehen. Vielleicht wollten wir damit provozieren?! Weiß auch nicht. Aber beim nächsten Mal will ich mehr spielerisches da hinein bringen. Mich freier fühlen..

Überall finde ich die Klischees. Mann und Frau. Und die Kleidung: in einer Lederjacke ist Mensch männlicher, als in einem Rock…etc. Natürlich macht die Kleidung macht etwas mit mir. Das Material, der Schnitt, die Schwere des Materials, sein Geruch….Und auch meine Gedanken über die Kleidung machen etwas mit mir. Damit zu spielen und es auf den Kopf zu stellen, könnte sehr interessant werden…..

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One thought on “462. Tag Klischees

  1. Hallo und guten Tag,

    ich habe auch eine Leder-Jacke, eigentlich für’s Motorrad. Neulich hatte ich in einer Kneipe etwas „zu besprechen“ mit Leuten, die ich nicht so gut einschätzen konnte.
    Da bin ich natürlich nicht im Rock hin, sondern habe mich in Jeans gezwängt und die Lederjacke angezogen.
    … macht breite Schultern…
    Es war genau die richtige „Rüstung“ für mein Gespräch über Alkohol-Ausschank an Jugendliche.

    Herzliche Grüße
    Claus-Peter, der gern mal in unterschiedliche Rollen schlüpft

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