464. Tag Auf Jobsuche mit Bart

Ein ereignisreicher Tag. Nach wenigen Stunden Schlaf stand ich heute vor 6 Uhr auf, um den Bus am Morgen in die Stadt zu nehmen. Das kleine Dorf in dem ich wohne liegt abseits und hat keine besonders gute Anbindung an die Stadt. Vormittags gibt es nur zwei Busse, die die Schulkinder von den Dörfern einsammeln und zur Schule bringen.

Da ich nicht mehr weiter wußte, drei Tage war ich nun schon krank im Bett gelegen, kein Geld auf dem Konto. Die Krankenkasse nervte….und ich machte etwas, was ich mir eigentlich geschworen hatte nicht mehr zu tun; ich meldete mich beim Arbeitsamt arbeitssuchend und wollte einen Job und Geld.

Lüneburg im November 2009Beim Arbeitsamt in Lüneburg, kam ich zügiger dran, als in Berlin. Das Personal war freundlich und bestimmt. Hier gab es ähnlich wie in Ludwigslust die Regelung, dass jeder, der sich arbeitslos meldet, erst einmal einen Kurs von einer Woche zu besuchen hat, in dem es darum geht, Bewerbungen zu schreiben und über die Pflichten und Rechte als Arbeitsloser aufgeklärt zu werden. Solch einen Kurs hatte ich zwar schon einmal vor Jahren besucht, doch das war egal. Ende November startet die Maßnahme.

Mein Wunsch nach Bargeld wurde nicht erfüllt. Ich bekam statt dessen einen Gutschein für Lebensmittel. Einerseits gut, doch man muss genau für den Betrag auf dem Zettel bei Lidl oder einem anderen Supermarkt einkaufen. Und Bargeld für eine Fahrkarte gab es nicht.

Einen Job konnte man mir nicht vermitteln. Einen Termin bei meiner Arbeitsvermittlerin würde ich erst nach erfolgreicher Teilnahme an dem Kurs bekommen. – Man verwies mich auf das Internet, doch da suchte ich schon seit Wochen, ohne Erfolg. An einer Wand auf dem Gang hingen Stellenanzeigen. Und was für ein Wunder, es gab einige interessante Anzeigen. Darunter war ein Lagerjob in Lüneburg. Vollzeit bis Weihnachten. Hörte sich nett an. Ware verpacken und versenden. Das konnte ich und hatte ich schon einmal gemacht und da sollte mein Aussehen keine Rolle spielen.

Ich rief an und mir wurde gesagt es sei noch Bedarf und ich könnte gleich vorbei kommen. Gesagt getan. Ich dachte mir den Job habe ich.

Als ich zur Tür herein kam, sah ich ein angenehmes aufgeäumtes kleines Lager mit hohen Regalen in denen unter anderem Schreibwarenartikel lagerten. Einigen sympatische junge Damen waren dort am arbeiten. Die Chefin war nicht an ihrem Platz. Sie wurde geholt. Eine ältere Dame, vermutlich Ende 60, die als sie mich sah, schon seltsam schaute. „Äh ja tut mir leid, doch der Job ist schon weg. Da hat vor einer viertel Stunde eine Frau angerufen, die uns in den letzten Jahren immer geholfen hat und die will es wieder machen. Tut mir leid, dass sie den Weg machen mussten.“ – Unglaublich. Ich meine das kannte ich nun ja schon. Diese Ausrede wird gerne genommen. Was für ein seltsamer Zufall. Sie hätte mich ja auf dem Handy zurückrufen und absagen können, wenn das die Wahrheit gewesen wäre.

Hier war doch klar, dass mein Aussehen der Anlass für die Ablehnung war. Tut MIR leid für SIE, denn nun hat sie eine wirklich super gute Arbeiterin weniger! – Und das nur weil ihr meine „Nase“ oder sonst was nicht passte.

Ich musste daran denken, dass diese Frau die Nazizeit wohl noch erlebt hatte, als man Menschen die „Anders“ aussahen als „Abartig“ bezeichnete und vergast hatte.

Ich kann mir vorstellen, wie es so manchem Menschen geht, die aus einem anderen Land mit einer anderen Hautfarbe, als der hier am meisten vertretenen versuchen Arbeit zu finden und solche Situationen, in denen der Job, der noch vor einer Stunde vorhanden war, in dem Moment wo sie sich vorstellen weg ist.

Schade, dass ich nicht frech genug bin. Dass ich immer noch in die höfliche gelernte Art verfalle und es hinnehme. Im Nachhinein denke ich, ich hätte diese Frau richtig mit der Situation konfrontieren sollen. Beim nächsten Mal. Nochmal mache ich das nicht mit. Mich mit so einer Ausrede abspeisen zu lassen.

Als ich draußen war war ich ziemlich erschöpft. Setzte mich erstmal auf eine Stufe vor ein Gebäude und ass einen Apfel, denn noch hatte ich nicht mal gefrühstückt und es war schon nach 2 Uhr! Heute war ich richtig sauer. So eine Wut hatte ich bisher noch nicht. Da bin ich bereit zu arbeiten, jemand hat Arbeit und es scheitert, daran, dass ich nicht blond schlank und lieblich bin, wie die Mädels, die da arbeiten!! (Die sahen tatsächlich so aus!)

Das ist das Eine. Meine Wut über Vorurteilen! Meine Wut über die Angst vor Andersartigkeit! Wäre ich schwerbehindert hätte ich es leichter einen Job zu finden, als mit den paar Haaren im Gesicht! Denn dafür gibt es Gesetze! – Eine Bartfrauenquote gibt es hingegen noch nicht!


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2 thoughts on “464. Tag Auf Jobsuche mit Bart

  1. Also ich kenne das Problem mit einem Bart einen Job zu finden allerdings bin ich ein Mann .
    Habe selbst ein mal in einem Lager gearbeitet , die zum Glück keinen Problem mit meinem Bart hatten, aber auch als Mann hat man es nicht immer leicht.
    Seitdem man nun seit einiger Zeit ja sogar Terroristen mit Bartträgern gleichsetzt umso weniger.

    Gefällt mir

  2. Pingback: Warum ich Conchita Wurst nicht toleriere | jayromeaufdeutsch

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