490. Tag

Vor einer Woche etwa, war ich bei einer Arbeitsvermittlerin. Ich hatte dort meinen Lebenslauf eingereicht in der Hoffnung einen Job zu finden, und auch um heraus zu finden, ob ich mit Bart eine Chance auf Arbeit hätte. Das Ergebnis war, dass es Arbeitgeber gab, die meinen Lebenslauf interessant fanden und vielleicht auch eine Arbeit für mich hätten, wenn da nicht der Bart wäre. Sie hatten zum Teil Angst davor, wie Kunden darauf reagieren würden, und dass Kinder Angst vor meinem Bart haben oder gemein reagieren könnten. Ganz offen und ehrlich wurde mir gesagt ich würde mir mit dem Bart im Wege stehen.

– Diese Aussage machte mich erst einmal sprachlos. Hätte gut von meiner Mutter stammen können. In meinem Kopf fing es an zu denken. Hatte die Person vielleicht Recht mit ihrer Aussage? In welcher Hinsicht könnte das stimmen? Vielleicht meinte sie, dass ich mir damit im Wege stehe, um einen Job auf dem „normalen“ Arbeitsmarkt zu finden. So gesehen hat sie Recht. Auf dem „normalen“ Arbeitsmarkt, könnte ich einen Job finden, wenn ich bereit wäre, mir den Bart zu rasieren. Weiterhin meinte sie ich sei nicht flexibel genug. Denn den Bart behalten zu wollen wäre mangelnde Flexibilität.

Als ich entschloss mir den Bart wachsen zu lassen war mein Ziel dadurch zu mir zu finden und „MEINS“ zu machen. Vielleicht ginge das auch, wenn ich mich rasiere und für eine Weile wieder anpasse, um Geld zu verdienen, damit ich mit diesem Geld meine Träume verwirklichen kann. Oder würde mich das „ANPASSEN“ wieder vom „WEG“ abbringen?! Kann ich nicht wissen, ohne es zu probieren…..Wie würde es mir wohl damit gehen wieder auf meinen Bart zu verzichten? Identifiziere ich mich inzwischen zu sehr damit? Vielleicht wäre es interessant ihn für einige Wochen „abzulegen“, um zu sehen wie ich mich fühle und ob ich eher einen Job bekommen würde. Immerhin sagte mir die Arbeitsvermittlerin, dass sie eventuell Arbeit für mich hätte, falls ich den Bart rasieren würde. Wäre einen Test wert. Oder? Meine Intention war, mich „sein zu lassen“ mit Bart. Mich selbst so wie ich bin anzunehmen und mich nicht zu verbiegen oder zu verstellen, um etwas zu erreichen. Bin ich mehr bei mir angekommen, authentischer? Ich denke schon. Von der Meinung Anderer bin ich unabhängiger, als je zuvor. Das ist viel wert. Ich spüre, dass ich etwas Kreatives machen „MUSS“ um zufrieden zu sein. Das hätte ich auch „ohne einen Bart“ erkennen können.

Sollte mein Experiment nun ein jähes Ende finden, weil auch ich dem Druck der Gesellschaft, der Gruppe nicht stand halten konnte?! Nur aus Angst nicht genug Geld zu haben? Sollte ich auf „MEINS“ verzichten, aus Angst!? Aber das ist doch genau das was ich nicht wollte! Leider ist der Weg nicht immer einfach. Hin und wieder bin ich erschöpft und hänge in meinen Mustern fest. Nachdem ich mir viel zu hohe Ziele vorgenommen hatte und zu hohe Ansprüche an mich hatte, habe ich mir nun vorgenommen kleine Schritte zu machen. So habe ich es letztens geschafft auf einem Geburtstag mit den Puppen etwas vorzuspielen und werde dies nun öfters in Kindergärten machen, damit ich einfach in die Übung komme und sehe wie es mir damit geht. Und ich meine Ängste verliere.

6 thoughts on “490. Tag

  1. „Ganz offen und ehrlich wurde mir gesagt, ich würde mir mit dem Bart im Wege stehen.“
    Das wäre auch noch eine Möglichkeit es zu sehen:
    Die Arbeitsvermittlerin und der Arbeitgeber stehen sich mit ihrer Bartangst im Wege – und sie nehmen sich damit die Option, wunderbare neue Erfahrungen zu machen.
    Und das mit der Inflexibilität könntest du auch gut an sie zurückgeben. Du bist so flexibel, dass du ohne Bart und mit Bart gelebt hast. Sie ist nur bereit, dich ohne Bart zu vermitteln, hat ihre Ängste noch nicht angeschaut.

    „Das hätte ich auch „ohne einen Bart“ erkennen können.“
    Ich selbst habe auch ohne Bart eine Menge erkannt. Und ich hatte immer die Frage im Kopf, wie es wäre, wenn ich den Bart zulassen könnte, und ob dann nicht nochmal alles anders wäre. Jetzt habe ich es probiert, ich brauch keine Energie mehr in das Grübeln über diese Frage stecken. Jetzt kann ich mich fragen: will ich mit dem Bart leben oder nicht? Und im Moment kommt da ein ganz klares und unüberhörbares Ja.

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  2. Guten Abend,

    ja, die Angst – bringt uns aus dem Gleichgewicht. Existenzangst ist sehr bedrohlich; ich kenne das. Bei mir liegt es teilweise auch daran, dass ich nicht für mich alleine verantwortlich bin, sondern dass das „tägliche Brot“ – und vieles mehr auch noch für 3 Kinder reichen muss.
    Die Ängste verschaffen einem manchmal schlaflose Nächte, obwohl die auch nichts helfen.
    Oftmals gab es für mich dann doch noch eine „Lösung“, die ich vorher nicht gesehen hatte.
    Das wünsche ich auch Dir: eine Lösung, die Dir die Ängste nimmt und Dich trotzdem bleiben lässt wie Du bist.
    Herzliche Grüße
    Claus-Peter

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  3. Ich finde die Frage, ob man sich für einen Job den (Frauen-)Bart abrasiert, sehr interessant. Theoretisch, wenn es darum geht, „ganz normal“ zu sein, dann ist es genauso normal für z.B. haarige Männer, sich je nach Situation einfach zu rasieren (für eine Hochzeit, für das Vorstellungsgespräch etc.) oder eben nicht. Oder z.B. Anzug tragen oder nicht, oder Piercing tragen oder nicht. Oder Irokesenschnitt oder nicht.

    Ich finde es legitim, sich anzupassen, um einen Job zu bekommen, weil es nicht nur etwas ist, was jetzt „bärtige Frauen“ machen „müssen“, sondern es machen alle auf die eine oder andere Art, und sei es nur, dass sich geduscht wird, jedenfalls, wenn bestimmte Arten von Jobs angestrebt werden.

    Ich finde es auch legitim, sich *nicht* anzupassen, weil man an bestimmten Dingen hängt, sei es nun der Bart (egal ob als Mann oder Frau!!), ein oder ganz viele Piercings, ein Tattoo, das nicht verdeckt werden soll, bestimmte Kleidung oder sonst was. Das hat genauso eben „Konsequenzen“, die halt mit dem jeweiligen Job oder sonst was eben hängen, wie sich eben anzupassen (was ja auch keine Garantie ist!). Das passiert auf vielen Ebenen und mit ganz vielen Dingen, ist ja jetzt nicht nur was Frau-mit-Bart-spezifisches.

    Bedeutet also, dass sich Frauen mit Bart einfach eben „ganz normal“, ganz genauso wie alle, sich die Frage stellen müssen, ob ihnen das eine oder andere gerade so wichtig ist oder nicht, und da ist es egal, warum! Für manche ist das Piercing wichtig, weil es Teil der Identität ist, oder weil man eine bestimmte Aussage machen will, für manche ist die spezielle Kleidung oder der Frauen- oder Männerbart oder die freiwillige Glatze oder die pink gefärbten Haare nicht so wichtig, manche brauchen diese Freiheit in bestimmten Bereichen und in manchen nicht (Piercing mach ich ab aber mein VoKuHiLa lass ich so!).

    Ich weiß nicht, ob so deutlich wird, was ich eigentlich sagen will. Ich will nicht irgendwie „mies“ machen, dass man/frau sich „zu wichtig“ nimmt. Im Gegenteil. Wenn es jetzt wichtig ist, sich in dieser Sache besonders wichtig zu nehmen, weil man sich jahrelang verleugnet hat, indem man sich gezwungen fühlte, sich zu rasieren, dann ist das genau das richtige „Meins“, für dass es sich zu kämpfen lohnt. Das ist genauso OK und normal, gehört für alle Menschen in bestimmten Lebenslagen dazu, wie auch in Phasen zu sein, in denen man abwägt und plötzlich andere Prioritäten hat. Insofern ist, egal wie du dich entscheidest, keine „Verleugnung“ dabei, auch wenn du deinen Bart extra abrasierst, solange du das halt genauso freiwillig machst, weil du eben gerade z.B. andere Prioritäten hast, die genauso legitim sind wie die Priorität „der Bart ist zur Zeit sehr wichtig und kommt auf keinen Fall wegen blöder Gesellschaftskonventionen ab!“

    (Interessant und öffentlichkeitswirksam wäre übrigens, den Bart abzurasieren, einen festen Job zu bekommen und dann den Bart wachsen zu lassen. Darf frau entlassen werden wegen so was? Bestimmt nicht und wenn doch könnte frau eben recht öffentlichkeitswirksam auf die veralteten und schrägen gesellschaftlichen Konventionen aufmerksam machen. Fällt mir nur gerade ein. Soll aber kein Aufruf sein😉 )

    Viele Grüße und weiterhin Mut
    Johanna

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    • Hallo Johanna,
      danke für Deinen Kommentar. Und die Idee meinen Bart zu rasieren um einen Job zu bekommen und ihn dann wieder wachsen zu lassen hatte ich auch schon. Vielleicht wäre das ein gutes Experiment.
      Vielleicht dürfen Arbeitgeber eine Frau, die plötzlich einen Bart bekommt ebenso entlassen, wie ein Mensch, der sich mit einem mal als Punker oder gepierct zur Arbeit kommt und es passt nicht ins Bild hinein, dass die Firma nach Außen abgeben will. Oder als Lehrerin macht die Schule Schwierigkeiten….
      Im Moment hätte ich kein Problem damit mir den Bart zu rasieren, denn ich habe schon genug Erfahrung damit gemacht. Dennoch behalte ich ihn, weil es praktischer ist, als wieder zu rasieren oder zu zupfen und ich immer noch die Phantasie habe, damit eine Show oder Theater oder ähnliches machen zu können. Und abgesehen von den persönlichen Gründen finde ich es gut, wenn es Menschen zum Nachdenken bringt wenn sie eine Frau mit Bart sehen. Wenn Menschen darüber nachdenken wie sie andere Menschen in Geschlechterkategorien einteilen und was das alles für Konsequenzen hat für uns alle und insbesondere für Menschen mit nicht eindeutigem Geschlecht, die zwischen diesen „Kategorien“ von „Mann“ und „Frau“ stehen.

      Alles Gute für Dich und viele Grüße
      Mariam

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  4. Hallo Mariam, deinen Mut bewundere ich sehr. So etwas gibt es selten, dass man mit so viel Selbstbewußtssein durch die Welt geht. Normalerweise sollten die Arbeitsgeber genau diese Eigenschaft an dir schätzen und hochachten anstatt mit leeren Vorurteilen blind zu bestrafen. Ich wünsch dir auf jedenfall viel Glück bei der Jobsuche und ganz besonders einen Arbeitgeber der deine Leistungen zu schätzen weiß. Lg. Sabine

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  5. Pingback: Frau Bart « bodyspaceart

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