1111. Tag

Noch im Wendland und bald wieder unterwegs. In den nächsten Tagen werdet ihr hier von mir keine neueren Einträge finden. Es steht ein Drehtermin an und ich werde beschäftigt sein. Internes zu berichten ist mir laut Vertrag untersagt. Soviel kann ich sagen, ich bin ziemlich aufgeregt und nervös, denn ich werde Menschen treffen, die sich  nach Ausstrahlung der Datingsendung gemeldet haben und mich kennen lernen möchten. Es geht mir anders, als sonst, wenn Dreharbeiten anstehen. Es geht näher, ist persönlicher….und gemischt in meine Vorfreude sind auch Befürchtungen, was wird aus dem gefilmten Material zusammengeschnitten und wie wird es kommentiert werden. Darüber habe ich keine Kontrolle, ebensowenig über die Reaktionen der Zuschauer und der Presse. – Irgendwo ist es mir egal. Und dann wieder nicht, denn ich merkte, wie mich die negativen Reaktionen, aus dem Gleichgewicht brachten und wie mein Leben dadurch beeinflusst wird, wenn ich an einer Raststätte stehe und den Eindruck habe, man glotzt noch mehr und schleicht um meinen Bus herum….. Ich fing an zu zweifeln….was tue ich da…..wie authentisch ist das alles….was für Folgen kann es haben… Was wollte ich eigentlich? Es begann mit dem Wunsch ich zu sein,  meins zu machen, mich nicht zu verbiegen (und wo ich mich gerade frage inwieweit schaffe ich das, wo werde ich mir untreu…) und indem ich das verfolgte, wurde mir bewußt, dass mein Wunsch auch der ist, Menschen zu inspirieren, authentisch zu sein und ihre Träume, ihre Kreativität und ihre Freiheit zu leben. Und ein Wunsch ist, dass Menschen offen und tolerant sind für das, was Anders ist, für die Individualität eines Jeden und die Angst davor verlieren.  – Ich bin erschrocken und entsetzt über so viel Abwehr in der Bevölkerung gegen das, was Anders ist. Und frage mich wie weit hat sich die Gesellschaft in Deutschland eigentlich weiter entwickelt nach der Zeit des Nationalsozialismus? Wo ist die Toleranz und Offenheit? – Als ich das letzte Mal in England war, fiel mir auf, wie „bunt“ die Gesellschaft dort ist. In der Londoner U Bahn sassen mir  zehn  Menschen gegenüber, die nichts an sich hatten, was irgendwie „gleich“ war. Die Hautfarbe, die Nase, die Augen, die Ohren usw. alles war individuell…..aus den unterschiedlichsten Gebieten der Erde stammten wohl ihre Vorfahren. In solch einer bunten Gesellschaft, da wollte und konnte ich nicht vergleichen, da staunte ich über die Vielfalt und Schönheit eines jeden dieser Menschen. – Warum wehrt sich Mensch gegen etwas das „Anders“ ist? Vielleicht fühlt Mensch sich angegriffen, verwirrt, irritiert und reagiert dadurch mit Abwehr. Menschen deren Selbstwert oder deren Selbstliebe nicht besonders groß ist, die vielleicht zudem noch unglücklich oder unzufrieden mit ihrem Leben sind, die kritisieren häufig, fühlen sich angegriffen, wenn etwas nicht so ist, wie sie es wollen oder mögen. Das „ANDERE“ macht Angst. Es kratzt an der scheinbaren „Sicherheit“.

Ich nehme an, dass Menschen die sich Botox spritzen, ihren Körper mit Operationen so formen, dass sie den momentanen Schönheitsidealen entsprechen, sich dadurch sicherer, wohler und  in die Gesellschaft integriert fühlen. Ihre Minderwertigkeitsgefühle sind dann für eine Weile weg oder geringer.  Kommt dann jemand daher und stellt das in Frage, sagt wieso nicht einfach so sein, wie Du von Natur aus bist? Wozu all das Schminken und Operieren? Dann kann ich mir vorstellen, dass es als persönlicher Angriff gesehen wird. Häufig wird der Spieß dann umgedreht und der, der in Frage stellt, wird kritisiert.

So erkläre ich mir einige heftige Kommentare auf Frauen mit Bart, oder auch andere Personen, die mit ihrem Aussehen oder ihrer Art „aus der Reihe tanzen“ oder ungewöhnlich sind.

Und daneben gibt es natürlich den Standpunkt:  „so etwas gefällt mir eben nicht“. Ist ok. Mir gefällt nicht jede geschminkte Frau. Manche sehen gut damit aus, Andere sehen für mich schöner ohne Schminke aus. Jedem das seine. Manchen Menschen fällt es eben schwer, sich nicht persönlich angegriffen zu fühlen, wenn andere Menschen nicht so denken wie sie und andere Ansichten haben.

Gestern war ich am Basteln mit Kindern die zwischen 4 und 5 waren. Ein Kind 4 Jahre alt fragte mich: Warum machst Du das? Es meinte warum ich hier mit ihnen bastele. Und ich sagte: „Weiß ich nicht. Vielleicht weil es mir Spaß macht“. Darauf sagte es: „Ja man macht was, aber man weiß nicht warum. Man macht es halt weil man es macht.“

So geht es mir heute manchmal, wenn mich wieder jemand fragt warum machst Du das? Warum hast Du einen Bart und machst nix dagegen. – Im ersten Moment habe ich nicht immer eine Antwort. Ich weiß es nicht. Es ist so. Ich möchte heute nichts dagegen machen. Ich denke auch nicht jeden Moment daran, dass ich einen Bart habe oder warum ich ihn habe. Ich kann nachdenken und viele Gründe finden, warum ich es gut finde, dass ich es mache. Ich kann ein Konzept schreiben, könnte es als Kunstaktion verkaufen oder sonst etwas. Und tief im Inneren spüre und fühle ich, dass ich es einfach tun soll.  Ich putze meine Zähne, weil es sich gut anfühlt. Ich esse oder bewege mich, weil es sich gut anfühlt. Ich habe einen Bart, weil es sich gerade gut anfühlt. Muss immer alles einen tiefen Sinn haben? Muss ich mein Tun immer erklären? Einfach tun, auch mal „dumm“ sein dürfen……nicht wissen…..ist auch ok.

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3 thoughts on “1111. Tag

  1. Liebe Mariam,

    Dein Text ist wieder so gut, so rundum stimmig und Du BIST damit inspirierend. Authentisch. Dem ist einfach nichts hinzuzufügen!

    Ich wünsche Dir eine fröhliche, lockere Zeit mit viel Lachen!

    Liebe Grüße – Caterine

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