Tagebuch 12. Tag

Nachts. Ich lese in dem Buch von Ute Manan Schiran: „Menschenfrauen fliegen wieder.“ Auf Seite 93 geht es um die Beziehung zwischen Schülerin und Lehrerin.

Der folgende Satz erklärt mir Einiges aus meiner Vergangenheit und wieso ich Lehrer/innen, die ich erst bewunderte, später ablehnte….oder auch Partner aus einer Beziehung:

„…es geht nicht darum die Lehrerin toll zu finden und dann enttäuscht festzustellen, dass sie Kratzer in einem Image hat, das die Schülerin ihr meist selbst verliehen hat.“

Indem ich eine andere Person erhöhe, mache ich mich klein. Mich klein zu fühlen ist nicht meine Natur und irgendwann kommt die Reaktion darauf hervor, als Wut oder Widerstand. Wie schön ist es doch sich mit jemandem auf der selben Ebene zu bewegen.

Vormittags nach dem Aufstehen im Bad.

Schaut mich da ein Monster aus dem Spiegel an?


So ein beginnender Bart bringt Assoziationen hervor wie:ungepflegt,

schmutzig, wild, gefährlich, tierisch. Die „Bösen“ in Filmen haben meist

stoppelige Barthaare.

Eine Bekannte sagte zu mir, dass Männer tierischer seien und niederer als Frauen. Frauen wären spiritueller. Daher sei ein Mann am Körper und im Gesicht behaarter als eine Frau, denn er sei ja dem Tier näher.

Naja…..ich weiß nicht. Also bin ich als Frau mit einem Bart dem Tier näher als eine Frau ohne Bart?

Heute habe ich es vermieden mich unter die Menge zu mischen. Kurz vor Mitternacht brachte ich dann dien Film von gestern zurück zur Videothek und musste mit der U-Bahn fahren.

Diesmal zog ich mir den Rollkragen übers Kinn, (ein Glück ist es wieder kühler, da geht sowas sehr gut) – ich musste an Südländern vorbei, die rauchend und trinkend vor einem Nachtladen sassen….und war so froh mich zu verstecken. Mir war gerade überhaupt nicht danach angeschaut zu werden – wollte am liebsten unsichtbar sein.

Wenn ich demnächst mal „Urlaub“ von den Blicken auf meinen Bart nehmen will, ohne ihn zu rasieren…. werde ich mir einfach einen Schal oder ein Tuch vor das Kinn packen, damit ich meine Ruhe habe.

Ich könnte wie eine Muslime mit einem Kopftuch und Schal herumlaufen, doch da wird Frau ja auch angeglotzt.

Nachmittags traf ich eine Freundin, die mich noch nicht mit Bart gesehen hatte und davon auch bis heute nichts wusste. Ich hatte Angst sie könnte negativ reagieren. Doch dem war nicht so.

Sie sagte es sei gewöhnungsbedürftig. Das kann ich verstehen, denn so wie heute morgen, verwirrt oder beunruhigt mich immer mal wieder der Anblick meines Spiegelbildes. Meine Gefühle zu meinem Bart sind wechselhaft. Glücklicherweise gibt es immer mehr Momente, in denen ich mich schön und ok finde mit Bart.

Der Bart ist wie der Schlüssel zu den vielen Zimmern in meinem Inneren, die ich lange Zeit verschlossen hielt und in denen sich die Spinnweben breit gemacht haben. Es ist Zeit sie zu lüften und zu reinigen damit da wieder frische Luft hinein wehen kann.

Als ich den Video zurück brachte fragte ich mich: Brauchst du jetzt gerade Ablenkung von deinem Leben? Möchtest du heute Nacht noch einen Film oder ein Eis, um dich von der Realität abzulenken? NEIN. Die Realität ist gerade viel spannender als irgendein Film oder Eis.

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Tagebuch 11. Tag

Nun schauen die Leute von Tag zu Tag mehr. Mein beginnender Bart ist nicht mehr zu übersehen.

Das ist schon auch anstrengend. Anstrengend das Gefühl betrachtet zu werden.

Als ich jünger war wollte ich immer etwas Besonderes sein. Schauspielerin wäre ich gerne geworden. Ich wollte Beachtung und nun, wo ich in gewisser Weise durch den Bart Beachtung erfahre, wenn auch vielleicht nicht immer so positiv ….da merke ich wie anstrengend das ist. Es ist schon schön wenn ich sozusagen unsichtbar umherlaufen kann. Mit mir sein kann und bei mir. Viel zu leicht lasse ich mich von mir ablenken.

Es liegt allerdings an mir, wenn ich mich durch die Blicke anderer unwohl fühle. Ich denke sie denken etwas Negatives über mich. Vielleicht erfreut sie mein Anblick. Wie kann ich mir dessen sicher sein? Sie sagen nichts zu mir. Und ich schotte mich innerlich ab. Bin noch nicht bereit dafür angesprochen zu werden. Fühle mich überfordert. Habe Angst.

Wieder wurde ich freundlich im Geschäft bedient. Habe den Eindruck, dass die Menschen mich nicht diskriminieren wollen.

In der S-Bahn war ein junger Mann mit langen Haaren und einem Kinnbart, der an der Spitze des Kinns zu einem Zöpfchen geflochten war. Das sah schön aus und sehr weiblich. Wollte ihn ansprechen und fragen, ob ich ein Foto machen dürfte….doch leider traute ich mich nicht. Hatte Angst vor einem Nein.

Das wäre mir peinlich zu fragen und ein Nein zu bekommen. Vor lauter Angst befürchte ich gleich das Schlimmste.

Vielleicht hätte er sich gefreut und geehrt gefühlt, dass ich ein Foto von seinem Bart möchte?

Wenn ich mich nicht sicher fühle und Angst habe, dann fällt es mir schwer locker auf die Menschen zu zu gehen.

Fühlte mich erschöpft, war lange mit den S-U- und Straßenbahnen gefahren, um zwei Wohnungen zu besichtigen. Das finde ich schon erstaunlich, dass ich mich das traue.

Ob ich mit Bart von einem Vermieter akzeptiert werde? Ob es keine Rolle spielt.

Heute hatte ich nur mit den Mietern zu tun und die zeigten keine Reaktion auf meinen Bart.

Es ist nach Mitternacht. Ich schaute den Film „Berlin am Meer“. Ein ungewöhnlicher Film….interessant…und wird dennoch kein Lieblingsfilm von mir werden. Jedenfalls nach dem Film, als ich ins Bad ging sah ich mich im Spiegel mit Bart. Und erschrak. Fand mich plötzlich hässlich. Warum? Das ist der Effekt Filme zu sehen, oder Fernsehen zu schauen. Die Bilder, die ich sehe prägen sich ein. Die Gesichter die schönen und glatten. Und eine bestimmte Atmosphäre, ein bestimmtes Ambiente und auch das Aussehen von Menschen wird mit schönen Momenten gekoppelt und es bringt mich weg von mir….trägt mich in eine Andere Welt. Schön manchmal…..doch auch gefährlich…..weil ich den Kontakt zu mir verliere und wie hypnotisiert den Gedanken und Bildern des Films folge und mich damit identifiziere und versuche mich anzupassen, um dazu zu gehören. Dann passiert es, dass ich mich plötzlich hässslich finde. Ich vergleiche mich mit den Filmpersonen…. Vergleiche bringen mich immer weg von mir.

Es geht nicht um das Vergleichen. Es geht darum bei mir zu sein. Mich anzunehmen und zu lieben. Und das was drumherum geschieht ist ebenso ok wie ein Film. Doch es darf nicht dazu führen, dass ich mich dadurch in Frage stelle und mich dann auch noch selbst ablehne, so wie ich bin.

Es gibt so viele „Paralellwelten“ – die sich nicht unbedingt vertragen, wenn man sie nebeneinander stellen würde. Es gibt extreme Kontraste auf der Welt. Das macht das Leben auf Erden auch interessant.

In all diesen Kontrasten meinen Platz zu finden fällt mir schwer. Oft hin und her gerissen wofür ich mich entscheiden soll – bei dem Angebot an Möglichkeiten.

Ich schaute immer zu sehr nach Außen. Den eigenen Platz jedoch, den finde ich in meinem Inneren. Da muss ich suchen. Es ist wie im Märchen….nicht nach Hinten schauen, nicht nach rechts und links…gehe deinen Weg weiter und lass dich nicht beirren, weder von den Stimmen der Sirenen noch von dem Gold und all dem was dich vom Weg abbringen könnte.

Tagebuch 10.Tag

Die Probleme und die Verunsicherung kommen immer dann, wenn ich der Gesellschaft nacheifere, wenn ich denke ich müsste so sein, wie es von einer Frau erwartet wird. Dann will ich mich anpassen, um von den anderen Menschen ein ok zu bekommen, um eine Bestätigung zu bekommen, um geliebt und angenommen zu werden so wie ich bin.

Immer dann, wenn ich mich selbst gerade nicht liebe und mich schwach und verletzlich fühle, dann falle ich in die Verunsicherung. Statt mich selbst aufzubauen schaue ich um mich wie ein Kleinkind und erwarte die Liebe und Bestätigung von den Anderen.

Der Bart ist weder besonder noch ungewöhnlich. Er IST. Er ist die Natur. Wenn ich ihn nicht sehe ist es leichter mich in der Menge zu bewegen. Je mehr ich mich selbst auf den Bart konzentriere, mich auf ihn reduziere…und ihn als Makel sehe…und nachdenke was DIE ANDEREN denken könnten, umsomehr rutsche ich in die Verunsicherung.

Wer nicht der Norm entspricht wird gemieden, isoliert und eingesperrt.

Es ist Freitagabend ich stehe an der Haltestelle der U-Bahn und sehe einen Mann, der einen karrierten Rock trägt. Seine Haare oben am Kopf sind abrasiert. In der U Bahn sitzt eine südländisch aussehende Liliputanerin, die lacht und sich mit einer anderen Frau unterhält und dabei so schön und lebenslustig wirkt. Weiter exotische Gestalten sind zu sehen. Da fällt so ein Bart gar nicht mehr auf denke ich. In Berlin ist Freitagnacht „Karneval“… Berlin ist einfach super. Hier findet alles mögliche seinen Ausdruck. Solch eine Vielfalt. Das mag ich. Und es gibt mir die Chance zu sein wer ich bin.

Heute bewegte ich mich leichter durch die Menge. Die Reaktionen waren verhalten. Nur Blicke. Keine Kommentare. Man lies mich sein. Ich atme auf.

Als ich am Abend einer Frau grüße, die ich flüchtig kenne, lacht sie mich an und ist von dem Bart begeistert. Schön! Das tut gut! Unterstützung das kann ich gebrauchen. Nachdem ich in den letzten Tagen so oft verunsichert war, ist nun wieder mehr Stärke und mehr Zuversicht da, dass ich auf dem richtigen Weg bin und das es ok ist so wie es ist.

Ich bin dankbar für meinen Bart.

Durch ihn bekomme ich so viele Einblicke. Er öffnet mir Türen zu mir und meinem Denken, zu meinen Vorurteilen und Mustern und zu der Welt da draußen.

Er zeigt mir den Weg zu mir. Das ist schön und erfüllt mich mit Dankbarkeit.

Tagebuch 9. Tag

Verwirrt. Selbst ich fühle mich verwirrt. Fühle mich weiblich und männlich. Fühle mich durch den Bart männlicher, wenn ich mich im Spiegel betrachte. Ich schwanke, ob ich weitermachen soll. Fühle mich verunsichert. Das Wachsen meines Bartes macht mit mir etwas.

Sollte in der Natur sein für einige Zeit. Entspannen. In gewisser Weise stresst es mich so vielen unbekannten Menschen jeden Tag beim Fahren in der Bahn oder in Geschäften zu begegnen. Immer wieder ist da Angst vor der Reaktion der Anderen.

Und meine Angst ist tausendfach größer, als das was wirklich geschieht.

Es geschieht eigentlich nichts! Die Menschen schauen und schauen weg. Einige grinsen. Ein älteres Päarchen heute wirkte so, als ob sie denken würden sowas darf nicht sein. Nun ja. Sie sagten nichts. ist nur mein Gedanke.

Also letztendlich bin ich das, die sich mit ihren eigenen Gedanken stresst!

In den Geschäften werde ich freundlich bedient. Manchmal sogar sehr freundlich. Haben die Menschen Mitleid? Sind sie deshalb nett zu mir? Ich meine müssten die nicht eher weglaufen vor einer Frau mit Bart? Finden die das etwa nicht schlimm? Vermutlich unterschätze ich die Toleranz der Menschen. In einer Großstadt gibt es täglich so viele „unglaubliche“ Dinge zu sehen, dass ein Bart an einer Frau nur Eines von Vielen ist.

Auf Youtube schaute ich mir heute Filme von bärtigen Frauen an. Ich finde die Frauen sehen mit Bart schön aus. Es ist eine innere Schönheit, die aus einem Menschen strahlt.

Ich denke dieser noch struppige Bart der erst zu wachsen beginnt ist etwas was mir persönlich nicht so gut gefällt wie ein längerer Bart. Also weitermachen. Nicht aufgeben. Nicht rasieren. Unterstützung suchen. Andere Bartträgerinnen. Da muss es in Berlin doch noch mehr geben!

Tagebuch 8. Tag

Ich möchte hier eine Episode erzählen, die sich vor einigen Tagen zugetragen hat.

Über das Internet lernte ich Loewin kennen, die einen Blog zum Thema Frauenbart hat (http://loewin.wordpress.com/). Wie sich herausstellte lebt sie in der selben Stadt wie ich und wir verabredeten uns.

Wir gingen im Park spazieren und nach einer Weile setzten wir uns auf eine Bank und sprachen miteinander. Zwei Frauen die ihren Bart wachsen lassen, die ihre Gesichtshaare wachsen lassen, wie es die Natur vorgibt. Während wir da sitzen kommt ein Mann vorbei. Er geht ziemlich schnell und läuft im Kreis über den Platz.

Wir schauen auf und sehen wie er die eine Hand an seinen Körper drückt und die andere Hand weit von sich nach vorne streckt, so dass jedermann sie sehen kann. Wir sehen seine Fingernägel. Diese sind 30 oder 40 cm lang und haben sich während ihres Wachstums gedreht! So etwas sah ich nur einmal als Jugendliche im Guinnes Buch der Rekorde – Ein Inder hatte damals die längsten Fingernägel der Welt. – Und nun – live – hier vor uns….was für eine Begebenheit….wir mit unseren Barthaaren und er mit überdimensionalen Fingernägeln.

Er lief leider sehr schnell vorbei und wirkte scheu….so als wolle er sich einerseits zeigen und als habe er andererseits auch Angst davor……Ich war versucht ihn anzusprechen…doch er wich den Blicken aus (kenne ich nun auch…) und er drehte seine Kreise sehr schnell – bis er dann nach dem dritten mal um die Ecke bog und verschwand…So kam es nicht zu einem Gespräch. Schade.

Wäre sicher interessant geworden so ein Gespräch.

Ich sagte zu Loewin: „Wenn das hier eine Filmszene wäre, dann hätte man uns vorgeworfen wie inszeniert es ist.“ – Manchmal ist das Leben einfallsreicher als ein Drehbuch für einen Film.

Ja und wie war mein Tag heute?

Zunehmend schwer. Nicht immer fühle ich mich gewachsen in die Menschenmenge zu gehen, mich den Blicken vor allem in U-Bahn, S-Bahn oder Straßenbahn auszusetzen. Noch waren alle Begegnungen erträglich. Keine Angriffe und Beschimpfungen, wie ich es befürchtet hatte. Selten musste ich an Jugendlichen oder aggressiven Gruppen vorbei. Glück gehabt. Puh.

Bin jedoch froh, wenn ich nicht jeden Tag da hinaus muss, in die Großstadtwildnis.

Dies war auch vor meinem Bartwuchs schon so. Selbst ohne Bart fühlte ich mich immer mal wieder beobachtet und bewertet. Fühlte mich manchmal unwohl mit so vielen unbekannten Menschen. Das sind die Tage wo ich lieber zu Hause bleibe.

Wenn ich mich beschwere, dass die Anderen mich bewerten und beobachten, dann vergesse ich dass ich selbst das auch ständig tue. Die Welt hält mir den Spiegel vor!!

Fragte mich heute welche Kleidung würde ich tragen wenn ich einen Bart habe? Würde ich einen schwarzen Anzug tragen? Passend wäre es vielleicht. Allerdings würde ich mich verkleidet fühlen.

In mir neuen Webseiten lese ich über Dragkings. Das ist etwas womit ich mich bisher nicht beschäftigt habe. Interessant was so alles in einer Woche Bartwachstum passiert. Um mich und in mir.

Tagebuch 7. Tag

Heute morgen fühlte ich mich schwach. So verwundbar. So ungeliebt. Und hatte Angst vor der Fahrt zum Arzt. Würde ich weitermachen? Oder mein Experiment abbrechen?

Da war sie wieder die Angst. Ich fuhr mit der Bahn. Ich ging zur Ärztin und und es passierte nichts. Ich ging in Läden einkaufen und schauen und nichts passierte. Zugegeben, meistens vermied ich es auch die Menschen genau anzuschauen, um eventuellen Reaktionen gar nicht zu begegnen. Fühlte mich heute inner lich zu verletzlich, um damit umzugehen.

Auf der Post grinste mich die Frau hinter dem Schalter so an, das ich interpretierte sie grinst über den beginnenden Bart. Das Gute war, daß mich all die Zeitungswerber und sonstigen Leute, die einen auf der Straße immer anquatschen, heute in Ruhe ließen. Nach einer Weile draußen,dachte ich auch wie oberflächlich sich die Passanten anschauen. Die Menschen rennen durch die Straßen ohne Einander genau anzusehen. Das tun sie dafür um so mehr, wenn sie dann in der U Bahn sitzen und Zeit haben zu schauen.

Später am Tag rief eine Freundin an und fragte ob ich vorbeikomme. Da ich beschäftigt war sagte ich nein. Dabei vergaß ich jedoch völlig, dass ich auch wegen des Bartwuches aus Unsicherheit hätte absagen können….denn da waren noch mehr Leute zu Gast…..Interessant war jedoch das ich es einfach völlig vergessen hatte während ich am Arbeiten war. Es war schon ein Teil des Alltags geworden. Nicht mehr so völlig neu.

Tagebuch 6. Tag

Die Fahrt mit der U Bahn war gar nicht so schlimm wie ich dachte. Keiner beachtete mich wirklich. Vermutlich durch die Ferienzeit, war es nicht so voll. Die Ärztin verkabelte mich heute für ein 24 Stunden EKG, wodurch ich in der Bahn dann, abgesehen von meinem Stoppelbart, nun auch noch Kabel und eine Tasche mit Box am Körper habe was gut sichtbar ist. Ich ging einkaufen und nichts passierte. Das ist doch das schöne an Berlin. Freiheit.

Wird mich jemand überreden wollen etwas dagegen zu tun…“ schrieb ich gestern. Hier meine Gedanken dazu:

Den Bart, den kann man doch wegmachen ….meine Angst vor dem Kommentar…..ja: „Mann“ kann sich rasieren oder nicht. Ich schaue in der Bahn um mich und achte mehr denn je zuvor auf Bärte und Haare an den Beinen. Sehe einen Mann der braungebrannt und tätowiert auf der Bank sitzt. Er hat gelockte, blonde Haare an den Beinen. Sieht gepflegt und schön aus und glänzt im Sonnenlicht. Für mich sieht das schön kuschelig aus und ich würde mich da gerne reinlegen!! (Bin kein Haarfetischist, wenn das hier so wirken sollte).

Die Frauen, die ich sehe, haben die Beine rasiert und meistens noch Nagellack auf den Zehnägeln.

Es ist doch erstaunlich, wie sich die Menschen zu Sklaven der Werbung, der Norm und von Werten machen!

Erstaunlich, wie sehr ein Mensch daran glaubt was Andere sagen, Autoritäten, Nachrichten, der Radiomoderator….. und was Zeitschriften und Zeitungen schreiben und Nachbarn sagen.

Die Anderen sagen einem was schön ist, was ok ist und was nicht. Und dann übernimmt Mensch was die Anderen sagen und glaubt auch noch es wäre die eigene Meinung.

Wenn ich schön bin, dann werde ich geliebt.

Und weil sich die meisten Menschen – das behaupte ich hier mal so…- nicht geliebt fühlen….oder nicht genug geliebt fühlen, machen sie alles, womit sie ihrem Ziel „geliebt zu werden“ und dadurch glücklich zu sein“ näher kommen können.

Die Werbung ruft laut: Mit Deo und Parfüm duftest du gut und bist beliebt und somit glücklich. Das Model, das das Produkt benutzt, strahlt.

Tust du nicht was wir dir sagen, dann stinkst du und musst gemieden werden. – Muss man sich nur mal vorstellen, was für eine seltsame Sicht das doch ist: dein Eigener natürlicher Geruch ist schlecht. Deine eigenen Haare sind schlecht!!! Etwas von der Natur von Gott gegebene ist schlecht!!

Es ist ein Kampf der Menschheit gegen die Natur wohin man schaut.

Deine Haare an den Beinen und im Gesicht sind schlecht! Du bist schlecht. Mach was!! Es macht Angst wenn Menschen nicht der Norm entsprechen. Der Anblick ist ungewohnt und stellt das eigene Weltbild in Frage.

Es passt nicht in das Bild einer heilen Welt, wenn eine Frau Haare im Gesicht oder an den Beinen hat!

Eine gepflegte Frau hat Haarlos zu sein!!

In der Bahn ist ein Schild mit Werbung für ein Laserinstitut. Sie schreiben: Sie haben nichts zu verlieren als ein paar Haare. Sie propagieren den glatten nackten Körper, ohne jegliche Haare.

Wem nutzt das was? Deren Geldbeutel.

Ein Körper ohne Haare – Haare, die nicht auf dem Kopf oben wachsen – werden assoziiert mit schmutzig, eklig, verwildert, dreckig, ungepflegt, liederlich, stinkig verfilzt, mit Läusen Ungeziefer, Krankheit, Hormonstörung….usw.

Jeder hat seine eigenen Assoziationen.

Alles Wilde muss in eine Form gebracht werden. Menschen haben vor ihrer eigenen Wildheit Angst.

Wenn ich mich mit künstlichen Düften, mit Plastikkleidung, Plastikdeo, Plastikcreme in Plastikräumen mit Möbeln und Teppichen aus Plastik aufhalte, deren Wände mit Plastikfarbe gestrichen sind mit dem Plastikausgekleideten Fahrzeug in die Plastikeinkaufszentren fahre …..dann bin ich nicht mehr in Kontakt mit der Natur – weder der Eigenen, noch der da draußen.

Ein künstliches Plastikleben. Plastik ist glatt. Plastik ist hygienisch, keimfrei, sicher, schützt, pflegeleicht und vor allem: da sprießen keine Haare heraus!!! Es ist für viele Jahre unveränderlich unverwüstlich und deshalb für ängstliche Menschen sehr beruhigend!!!

In der jetzigen Welt und Gesellschaft in der Stadt ist Plastik ein dominierendes Element.

Es fällt uns vielleicht nicht auf, da wir uns daran gewöhnt haben und schon direkt nach unserer Geburt war es normal von Plastik umgeben zu sein. Viele Produkte wie auch Cremes enthalten Plastik.

Eine Schaufensterpuppe hat keine Haare auf ihrem glatten Plastikkörper, außer der Perücke.

Den Rest des Tages bemerkte ich zu meiner Überraschung, daß es für mich heute normal war mit dem „Stoppelbart“ herumzulaufen. Ich selbst freue mich auf einen volleren und gepflegten Bart. Ob es soweit kommt werde ich ja sehen. Bin ungeduldig.

Tagebuch 5. Tag

Sonntag und ich blieb zu Hause. Ich untersuchte am Morgen den Bart. Weich ist er und starke Haare hat er. Es sind erst die Hälfte der, die da sind durchgekommen. Durch das Zupfen haben sie unterschiedliche Zeiten wann sie sich zeigen. Manche Haare sind an der Spitze schon weiß.

Eigentlich müssten die Augenbrauen auch wachsen dürfen. Vielleicht ist das der Kompromiss im Moment? Halb Mann halb Frau im Gesicht?

Denke an die U Bahn Fahrt morgen früh. Hab schon etwas Angst vor den Blicken der Menschen. Werde früh morgens fahren, da ich zur Ärztin muss und da sind viele unterwegs. Wie wird die Ärztin reagieren? Wird mich jemand überreden wollen was dagegen zu unternehmen? Ich werde es sehen.

Eine Frau mit Bart – mit Hose oder mit Rock. Für den Betrachter wird das Schubladendenken unterbrochen. Seine normale Einordnung verwirrt.

Immer wieder schaue ich in den Spiegel und bin von mir selbst fasziniert. Es ist eine Reise ins Unbekannte und es macht mich neugierig wie es weitergeht. Wie wird der Bart aussehen wenn er lang ist? Was wird es an Kommentaren und Reaktionen geben? Wie werde ich mich kommentieren? Spannend.

Bereue es fast schon, dass ich drei ILP Sitzungen machte, vor Jahren und einige der Haare dem zum Opfer fielen, während die meisten wieder kamen!! Vermutlich wegen der Hormone.

An dieser Stelle möchte ich Loewin danken für Ihre Unterstützung mir den Blog hier einzurichten und mich auf Jennifer Miller aufmerksam zu machen! Das hat viel für mich bedeutet und geändert und ist eine enorme Unterstützung. Vielen Dank Loewin!!

Hier der Link zu Loewins Blog: http://loewin-loewin.blogspot.com/..

Dort findet ihr noch mehr Informationen über Bartwuchs und Körperbehaarung bei Frauen.

Tagebuch 4. Tag

09.08.2008

Schaue in den Spiegel denke: das geht doch noch. Ist noch nix. Etwas dunkel. Naja. Dann im Bad eben, treffe ich auf einen jungen Mann, der für einige Tage in der WG hier übernachtet und meine dass er mich zwei mal so seltsam von der Seite anschaut, so als verwirre ihn mein beginnender Bartwuchs….? Vielleicht schaute er auch einfach so und es hatte nichts mit mir oder meinem Bart zu tun. Wie leicht beziehe ich die Blicke anderer auf mich und auf meine Schwachstellen.

Tagebuch 3. Tag

08.08.2008

Bei einem Treffen mit einer Freundin, wir sitzen in einem Restaurant im Freien ertappe ich mich dabei wie ich mir mit der Hand übers Kinn fahre und ein schlechtes Gewissen habe. Mich frage ob ich nun ungepflegt aussehe oder hässlich und ob es nicht besser wäre ohne die Stoppeln hier zu sitzen.

Noch ist es kein Bart. Schäme ich mich etwa? Das ist ein Reise zum Eigenen.

Zweifel.

„Muss das denn sein?!“ – „Findest du das etwa schön!?“ Sätze die ich von früher kenne zu anderen Gelegenheiten….doch nun drängen sie in meine Gedanken.

Dränge sie wieder weg und folge dem Gespräch. Will nix entscheiden – nicht jetzt und nicht hier und lasse die Haare wo sie sind.

Abends vor dem Schlafengehen: schaue mir die weichen Häarchen im Spiegel an und denke jetzt kann ich nicht mit Steffi und deren Freund essen gehen. Was wird sie sagen? Ohoh…da ist die Angst wieder. MEINS ist nicht akzeptabel. ICH bin nicht akzeptabel. Verstoße gegen die NORM. Passe mich nicht an und werde verstoßen. Vielleicht will sie nichts mehr mit mir zu tun haben, wenn sie mich so sieht! Sie wird nicht mehr meine Freundin sein wollen! Sie wird sich schämen mit mir essen zu gehn und sich zu zeigen „in meinem Aufzug“.

Wieder ein Spruch von früher von meiner Mutter!

Wie die Vergangenheit doch immer wieder ihren Weg in meine Gedanken findet. Wie sehr ich mich nach meinen Gedanken richte und Sklave ihrer werde – freiwillig. Ich nehme meine Gedanken ernst….reagiere mit Angst und handle….sage vermutlich noch das Essen ab oder renne davor weg schiebe den Termin nach Hinten……

Wieso diese Angst was Andere sagen oder denken könnten!?

Ist darin nicht die Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung versteckt? Der Wunsch so wie ich bin, anerkannt und geliebt und in Ruhe gelassen zu werden. Sein zu dürfen wie ich bin. Klar. Und ich nehme an den Wunsch haben so gut wie alle Menschen. Willkommen zu sein und sein zu dürfen.

Und was machen all diese Normen mit mir?

Beziehungsweise was mache ich, die ich meine mich danach richten zu müssen!? Ich mache mich selbst unfrei und zum Sklaven und lasse mich davon bestimmen. Und dadurch bleibt das Eigene auf der Strecke. Es kann sich nicht zeigen und darf nicht heraus. Muss unterdrückt werden….denn es könnte stören. Könnte die Norm stören. Und ich werde dann ausgestoßen wenn ich nicht die Norm lebe.

Tagebuch 2.Tag

Ein anderer Tag. Morgens schon Zweifel soll ich oder nicht!

Lieber wieder zupfen? Der Zwang der Druck von Außen ist groß! Es braucht schon eine gewisse Entschlossenheit zu widerstehen.

Werde die Augenbrauen zupfen damit ein gepflegter Eindruck bleibt.

Familienaufstellung gemacht. Lasse ich den Bart wachsen um die Sehnsüchte nach einem männlichen Nachfahren zu befriedigen? Symbolisch gedacht.

Sitze da um halb 1 nachts auf einer Treppenstufe eines Hauseingangs – es ist warm und windig hier draußen. Fühle mich wohl mit mir. Fühle mich entspannt im Reinen mit mir. Glücklich. Zufrieden. Streichle über den beginnenden Bart und fühle mich ganz. Es ist ok. Etwas Angst ist noch da vor den Raktionen der Anderen. Egal.

Tagebuch 1.Tag

Es ist dann einfach passiert. Na irgendwann sollte es wohl sein. Das dauerte nun schon über 23 Jahre. Nun war es soweit. Da stand ich . Manche Dinge müssen einfach irgendwann passieren. Die Natur kann nicht ewig zurückgedrängt werden. Also nun dürfen meine Haare sein. Nun dürfen sie wachsen. Der Bart darf sein. Das könnte das Ende eines 23 Jahre andauernden Kampfes gegen ein Naturphänomen sein, dessen Kraft und Schönheit ich nicht sehen wollte.

Das Foto von Jennifer Miller überzeugte mich.

Das ist es was ich sein will. Alles ist ok wie es ist!

Ich finde mich schön.- Ich liebe meine langen Haare und bin zufrieden. Ich bin Frau, ich bin Mann, ich bin. Alles ist in mir. Die alten Grenzen und Schubladen beginnen sich aufzulösen. Wer sagt ich sei eine Frau? Was macht eine Frau aus? Und ist eine Frau mit Bart keine Frau mehr? Was ist mit all den fließenden Übergängen?! Zu meinem Bart zu stehen – zu mir zu stehen, öffnet mir Türen zu mir selbst, die zuvor verschlossen waren. Mich anzunehmen, ehrlich zu sein und mir den Platz zu nehmen den ich brauche, bringt mich in meine Mitte – macht mich ganz.

Kein Verstellen, kein Weglaufen mehr. Einfach sein wie ich bin. Das ist die Zukunft.

Ich denke die Menschheit bewegt sich darauf zu miteinander auf eine offenere und ehrlichere Art zu sein.