Nicht Mann nicht Frau Artikel aus dem Kurier Österreich 2017

Artikel zum Thema Intersexualität LINK:

Hier der Text des Artikels darüber der Link zur Originalseite:

Luan Pertl: „Ich bin die dritte Option“

uwe.mauch,jeff.mangione
kurier.at

Er oder sie? Für eine intergeschlechtliche Person stellt sich diese Frage nicht.

Menschen wie Luan Pertl suchen nicht mit aller Gewalt das Licht der Öffentlichkeit. Sie hegen viel mehr die Hoffnung, dass die Darstellung ihrer Lebensgeschichte in den Medien hilft, anderen Menschen Leid zu ersparen. Respekt! Sie bekommen auch keinen Cent dafür, dass sie ihr Wissen und ihre Erfahrung öffentlich machen.
Luan Pertl wurde vor 39 Jahren in Mödling geboren und als Karin Pertl in einer Geburtsurkunde registriert. 37 Jahre lang standen Vorname und Geschlecht nicht zur Diskussion, wenigstens nicht für andere.
Stimmbruch Ende 30

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Foto: KURIER/Jeff Mangione
Einer einfühlsamen Gynäkologin im Krankenhaus Lilienfeld gelang es unmittelbar nach der Operation, „mir die Wahrheit sehr schonend beizubringen“. Danach beendete Luan Pertl das jahrelange Schlucken weiblicher Hormone. Den Rest erledigten körpereigene Hormone: „Nach einigen Monaten kam ich in den Stimmbruch, und es wuchs mir ein Bart.“
Eine scharfe Zäsur im Lebenslauf, aber doch auch eine Erleichterung: „Für mich persönlich war diese Gewissheit wunderbar. Denn ich war mir ja seit meinem achten Lebensjahr selbst nicht sicher, wer ich eigentlich bin. Je älter ich wurde, umso größer wurde der Widerspruch.“ Es war ein ständiger innerer Widerspruch zwischen dem Sein und dem Schein, dem Fremd- und dem Selbstbild: Um die eigenen Eltern nicht zu brüskieren, entschied sich Luan, damals noch Karin, gegen sich selbst. Gab sich heterosexuell und stürzte sich Hals über Kopf in die Arbeit mit nackten Zahlen – in einer Steuerberatungskanzlei.

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Foto: KURIER/Jeff Mangione

Mit Mitte zwanzig meinte ein junger Mensch, eine Lesbin zu sein. Und begann ein Leben in zwei verschiedenen Welten: hier eine fleißige kaufmännische Angestellte in Mödling und dort eine nach sich selbst Suchende in der Rosa Lila Villa in Wien.
Mit Ende zwanzig folgte die Erkenntnis, „dass ich Butch bin“. Butch-sein meint ein Spielen mit den Geschlechterrollen, ein Leben dazwischen. „Erst die Operation Jahre später brachte mir endgültig Gewissheit.“
Tatbestand: Folter
Und heute? Luan Pertl ist einer von knapp 120.000 Menschen in Österreich, die weder Mann noch Frau sind. Die Zahl basiert auf einer international öfter verwendeten Schätzung. Intersexuelle Menschen werden auch hierzulande nicht amtlich registriert. Sie gelten viel mehr als ein großes Tabuthema.
Ihr Status ist nirgendwo vorgesehen. Nicht bei den Erhebungen der Statistik Austria, nicht auf Formularen, nicht im geltenden Recht, in Schulen, Toiletten oder Umkleidekabinen auf Sportplätzen, in Mode oder Industriedesign. Auch nicht ganz zu Beginn des Lebens, wenn werdende Eltern gefragt werden, ob „es“ ein Bub oder ein Mädchen wird.

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Foto: KURIER/Jeff Mangione

Um die gesellschaftliche Akzeptanz dieser dritten Option zu erhöhen, engagiert sich Luan Pertl im Verein vimoe (siehe Infokasten). Der Verein wurde im Februar 2014 gegründet. Und füllte sofort eine Lücke aus. Pertl: „Das Interesse von Betroffenen, Angehörigen, Menschen aus medizinischen und therapeutischen Berufen, von Universitäten, Schulen oder Kindergärten ist riesig.“
Das Vereinsmitglied betont am Ende mit einem Hinweis auf schmerzliche eigene Erfahrungen: „Jede geschlechtszuweisende Operationen an Minderjährigen ist ein Verstoß gegen die Menschenrechte. Auch die zwanghafte Hormontherapie entspricht dem Tatbestand der Folter.“ (Anmerkung nach erscheinen des Artikels: „An alle die den Kurier Artikel lesen, leider wurden die Wörter nicht konsensuelle geschlechtszuweisende Operationen mit dem Wort Geschlechtsumwandlung ausgetauscht.“ Luan Pertl)

Konkrete Hilfe für Betroffene und Angehörige
Der Verein Intergeschlechtliche Menschen Österreich  (vimoe), wendet sich gegen die gängige Zwei-Geschlechter-Norm und bietet Betroffenen, Angehörigen und Interessierten Hilfe an. Organisiert werden Selbsthilfe- gruppen, Peer-Beratungen, ein Stammtisch und Elternberatung.
Infos unter https://vimoe.at

© 2017 kurier.at

Weder Mann noch Frau – ORF 2 Beitrag am Donnerstag 9.2.2017 – 21:05

 

Am Donnerstag dem 9.2.2017 zeigte das ORF 2 einen Beitrag über intersexuelle Menschen in der Sendung:  „Am Schauplatz“- Den Beitrag kann man danach noch auf der Mediathek des ORF anschauen und hier auf der Seite.

Hier der Text dazu vom ORF 2:

Am Schauplatz

Weder Frau noch Mann?
Kommt ein Kind auf die Welt wird meist als erstes die Frage gestellt: ist es ein Mädchen oder ein Bub?
Was ist aber wenn keines davon zutrifft, wenn das Baby mit nicht eindeutigen Geschlechtsmerkmalen auf die Welt kommt? Jedes Jahr werden in Österreich ca. 25 Kinder geboren die weder eindeutig als Buben noch als Mädchen eingeordnet werden können. Von Intersexualität oder Zwischengeschlechtlichkeit ist dann die Rede. Und weil es in unserer Gesellschaft nur männlich oder weiblich gibt, werden nach wie vor aus vielen intersexuellen Kindern mittels geschlechtsangleichender Operationen echte Buben oder Mädchen gemacht. Diese Eingriffe haben oft traumatische Folgen für die Betroffenen. Am Schauplatz Reporterin Nora Zoglauer hat ein Jahr lang zwei intersexuelle Menschen mit der Kamera begleitet. Der 28 jährige Tobias Humer wurde von seinen Eltern als Mädchen aufgezogen und hat erst mit 14 erfahren, dass er intersexuell ist. Kurz darauf wurde er zur Frau operiert. Eine irreversible Entscheidung die sich als falsch herausstellte. „Die Option, dass sich so bleibe wie ich bin, hat es nicht gegeben“ sagt Tobias. Alex Jürgen kam als Bub, mit einem viel zu kleinen Penis auf die Welt. Man entschied ihn als Alexandra aufzuziehen. Mit 16 Jahren folgten Penis -und Hodenamputation und Alexandra bekam eine künstliche Vagina. Alex Jürgen der heute offen als intergeschlechtlicher Mensch lebt, hat jetzt eine Klage eingebracht. Da er weder Frau noch Mann ist, will er auch in seinem Pass und seiner Geburtsurkunde die Kategorie „Drittes Geschlecht“.
(Wh. im Nachtprogramm, ORF2)

Eine Form der Intersexualität CAIS

Es gibt Menschen die sehen aus wie Frauen und sind von ihren Chromosomen (dem genetischen Geschlecht ) her Männer. Diese Erscheinung wird CAIS genannt. CAIS – komplettes Androgen-Insensitivitäts-Syndrom. Das ist eine genetische Variation, durch welche die Rezeptoren für männliche Hormone nicht funktionieren: Obwohl ein Kind die Anlage zum Mann hat, bilden sich keine sichtbaren männlichen Geschlechtsorgane, sondern weibliche. Daher lautet die Nachricht im Entbindungssaal: „Es ist ein Mädchen.“

Wer mehr darüber erfahren möchte, der kann hier auf den Link klicken.

Was macht einen Mann zum Mann? Was eine Frau zur Frau? Sind es ihre Chromosomen, die ich nicht „sehen“ kann? Ist es das Äußere, wie die Behaarung, der Bart, die Brüste!? Ist es das Verhalten, die tiefe oder die helle Stimme? Lange oder kurze Haare? Die Fähigkeit Kinder zu zeugen oder auszutragen?

Genau betrachtet, kann ich nicht sehen oder wissen, ob der Mensch vor mir Mann oder Frau ist. Selbst eine Frau, die eine hohe Stimme hat und aussieht wie eine Frau, kann genetisch ein Mann sein! Ein Mensch mit Bart muss deshalb noch lange kein Mann sein, am Verhalten kann ich es auch nicht immer fest machen…und so weiter…..Bisher wurden diese Tatsachen verdrängt und mehr oder weniger geheim gehalten, selbst den Betroffenen wurden sie von Ärzten und Eltern vorenthalten! Immer begleitet von der Angst nicht „normal“ zu sein, und den eventuellen Folgen die es haben könnte „nicht normal“ zu sein. Tatsache ist: es ist normal, dass es Variationen gibt und diese sind häufiger, als wir bisher gedacht haben. Die Natur hat mehr an Vielfalt zu bieten, als der Mensch bereit ist zu akzeptieren. Sein Streben alles zu ordnen und einzuteilen, um sich sicher zu fühlen, verbietet diese „unkontrollierbare“ Vielfalt.

Wenn ich mir das alles so betrachte, dann macht es keinen Sinn, Menschen in Mann und Frau einzuteilen. Es gibt sehr viele Zwischenformen, die nicht zur üblichen Bezeichnung Mann und Frau passen. Mehr Transparenz, Offenheit und Ehrlichkeit könnte dazu führen, dass das Geschlecht an Bedeutung verliert. Dass ich den Menschen vor mir nicht als Mann oder Frau behandle und sehe, sonder als Menschen, unabhängig davon welchen Geschlechts, welcher Abstammung oder Herkunft dieser Mensch ist.